V.-VIII. / IX.-XII. / XIII. / XIV. / XIV.-XV. / XV. / XV.-XVI. Jh






Historischer Kontext:

Frankreich, durch Kriege u. Bürgerkriege erschöpft, büsste seine kulturelle Vormachtstellung in Europa zugunsten von Burgund ein. Dessen Herzöge hatten durch Heirat und Diplomatie ihren Machtbereich erheblich erweitert. Der burgundische Hof begann Mode und Etikette stilbildend zu dominieren, gestützt auf die reichen Städte der Oberen und seit 1384 vor allem der Niederen Lande. Wobei der Hof bemüht war seine Führungsrolle gegenüber dem aufstrebenden Bürgertum zu wahren. Prunkvolle Ausstattung und durch Schulung erreichte Eleganz in der Tragweise der Gewänder verliehen der burgundischen Mode eine Exklusivität, die man an anderen Fürstenhöfen so kaum fand.1 Schließt man von erhaltenen Kunstwerken, die als Gradmesser und Dokumente dieses Stils gelten können auf die reale Mode dieser Zeit, wurde sie demnach im Westen des Reichs schneller aufgenommen als im Osten, allerdings ohne die burgundische Pracht zu erreichen. Exemplarisch dafür stehe der Meister des Schottenaltars in Wien mit seinem Altarretabel vor 1470. Jener verarbeitete die Innovationen der altniederländischen Meister Rogier van der Weyden, Hugo van der Goes und Derik Bouts. Im Süden des Reiches wirkte aber auch traditionell die italienische Mode, die selbst nur partiell burgundische Formen übernahm.

Die Gesellschaft des SMA hatte sich deutlich gewandelt. Obwohl nach wie vor der Großteil der Bevölkerung dem Broterwerb auf den Feldern nachging, dominierte diese Wirtschaftsform die Märkte nicht mehr. Ein allgemeiner Aufschwung setzte ein mit steigenden Bevölkerungszahlen und wachsenden Ortschaften. Die zunehmende Zersiedelung des Landes brachte auch kleine Landstädte hervor, deren Kleingewerbe und Handwerker das bäuerliche Umland versorgten. Große Städte gewannen als Handelszentren an Einfluß, die sich europaweit vernetzten und neue Gesellschaftsschichten hervorbrachten, welche die Vormacht des Adels mit Hilfe des Geldes brachen und die Vormacht der Kirche durch eigenes Wissen in Frage stellten, der Kirche wurde das Bildungsprimat entzogen. In geistlichen Belangen dominierte der Glauben das Leben der Menschen nach wie vor. Sie bangten um ihr Seelenheil und verstanden die Erlangung dessen wie ein Geschäft.



1450-1520

- Spätgotische Formen -

Musee de Cluny Paris 1478n



Rinke = Schnalle / Spenglin = Beschlag (Niete) / Senkel oder Ort = Zunge

eis = Eisen, me = Messing, bz = Bronze, zi = Zinn, vz = Verzinnt, vs = Versilbert, si = Silber

FO = Fundort, AO = Aufbewahrungsort

Durch Stiftungen der Vermögenden in Form der detailreichen Altarbilder wird uns scheinbar der Einblick in den Alltag gewährt. Denn es gab unverzichtbare Bildelemente, wie z.B. Fackeln oder Laternen in der „Gethesmane-Szene“, um die nächtliche Handlung zu suggerieren. Schergen benötigten beim „Kindermord“, bei der „Gefangennahme“ oder als „Grabwächter“ ihre Waffen, die Könige bei der „Anbetung“ ihre Kronen. Es ist interessant zu beobachten, wie diese Gegenstände ihr Aussehen im Laufe der Zeit wandelten. Aus den Kronen wurden geschmückte Turbane, die Klingen der Waffen wurden zu Krummschwertern, viele weitere Bekleidungselemente und Details bekamen stark orientalisierende Noten. In der Gesamtschau wurde also weniger der Alltag als viel mehr die Vorstellungswelt des Mittelalters mit allen Höhen und Tiefen veranschaulicht. Die Spannweite war groß und umfasst mglw. auch bisher unbeachtete und weniger bekannte Richtungen...siehe dazu Exkurs unten...


Quellen für die 2. Hälfte des XV. Jhs:

Ausgelöst durch die neuen Formen der Volksfrömmigkeit devotio moderna, der unmittelbaren Erfahrbarkeit Christi, setzte sich seit den 1430er Jahren in der Malerei die neue Ölfarben-Technik mit hoher Leuchtkraft der Farben durch, die ars nova, aus den burgund. Niederen Landen kommend (Meister von Flemalle, H. und J. van Eyk, u.a.).2 Sie verblüffte mit perspektivisch getreuer und plastischer Realitätsnähe. Landschaft, Sachkultur und Interieurs, wie Leuchter, Möbel, Inventare, Kannen, Keramik, etc wurden detailliert erfasst und gewähren uns diesbezüglich durchaus Einblicke in die Alltagskultur. Über das Rheinland (Zentrum Köln) verbreitete sich der Stil in weite Teile des Reichsgebiets.

Darsteller für den Adel, des Stadtpatriziats, des betuchten Bürgers werden sich mglw. an den naturalistischen Porträts solventer Auftraggeber (ausgeführt bsplw. durch H. Memling oder R. van der Weyden), mit zeitgenössischen Accessoires, erfreuen. Hier ist auf jeden Fall sicher gestellt, daß die Kleidung zeitgemäß ist, denn niemand läßt sich in unmodischer Gewandung porträtieren, ganz im Gegenteil. In anderen Fällen entfernen sich die Maler extrem vom zeitgenössischen Umfeld, wie bsplw. Meister Francke in seiner „Auferstehung“, heute Kunsthalle Hamburg von 1430. Die schlafenden Wächter in Rüstung, die in der künstlerischen Darstellung seit dem XII. Jh einen langen Entwicklungsweg von realistisch bis zu immer prunkvoller in der Wende zum XV. Jh hinter sich haben, werden bei ihm vollends in eine „ferne orientalische Welt“ überführt mit fantastischen Rüstungs- und Kleidungsdetails, die definitiv nicht zum westeurop. Alltag gehören. Beim Zugriff auf diese Quellen sollte der Reenacter Vorsicht bzgl der eigenen Darstellung walten lassen.

Nach wie vor nehmen Kleiderordnungen für uns einen hohen Stellenwert als Quelle ein. Eine Verordnung aus Straßburg von 1471 schrieb den „Hübschlerinnen“, auch „freien Töchtern“ oder „Fensterhennen“, vor Mäntel zu tragen mit einer Länge drei Finger breit über dem Boden, weder mit Seide, noch Feh gefüttert. Auch goldene Spangen, goldene Gürtel, mit Koralle oder Chalcedon im Wert von 50 Gulden waren ihnen verboten, um den Unterschied zu ehrbaren Frauen deutlich aufzuzeigen, also war es letzteren wohl im gewissen Maß erlaubt.3 Es schwand im Laufe des XV. Jhs der Wert der Kleiderordnungen, dessen war sich die Obrigkeit bewusst, da Mode durch Erlasse nicht zu regulieren war und zu sehr soziales Prestige mit ihr verbunden wurde.





Der Holzschnitt brachte die technische Reproduzierbarkeit der Graphik hervor, lange vor dem Druck der Schrift. Genutzt wurde vor allem das vermehrt in Gebrauch kommende Papier. Das Material hätte einer grösseren Sorgfalt bedurft, um es für die Nachwelt zu erhalten, so ist anzunehmen, daß der überwiegende Teil dieser Drucke verloren ist. Pergament, also Tierhaut, hat eine höhere Beständigkeit. Erhaltene Holzschnitte stellen inhaltlich eine starke Vereinfachung und Konzentrierung auf das Wesentliche dar. Details, die auf gemalten Abbildungen in Fülle sichtbar sind, werden hier weggelassen. Erst in der zweiten Hälfte des XV. Jhs werden Kupferstiche und Radierungen einen hohen Perfektionsgrad mit grosser Detailfreudigkeit erreichen.








Exkurs: Überlegungen zu Tafelbild und Aufführung/Schauspiel als Quelle (siehe unten)














Mode in der 2. Hälfte des XV. Jhs (höfische u bürgerliche Formen):

Die Repräsentationsgewandung oberer Schichten, der „gestandenen Herren“ war bei offiziellen Anlässen in der Regel knie- oder bodenlang. Nur die jüngeren Zeitgenossen und vor allem höfische Szenen mit Pagen zeigten kurze Übergewandungen, hierzu konnten in Italien u Frkrch kurze Stoffgürtel getragen werden, die wohl durch ein Bindesystem auf dem Rücken geschlossen wurden. Der Adel und der Stadtadel, die Patrizier, ersetzten nun die Zaddelung der Kleidung durch Pelzbesatz. Ratsherren trugen die pelzbesetzte Schaube (siehe z.B. Bilder von Baegert). Der Gesamteindruck veränderte sich, nach den eher breiten Formen der 1. Hälfte des XV. Jhs trat schon vor der Jahrhundertmitte wieder das Schönheitsideal des XIV. Jhs mit schlanken, spitzen und eng anliegenden Formen auf. Diese wurden gegen Ende des Jhs wiederum abgelöst durch Formen, die die Horizontale betonten. Interessant ist die Werktagskleidung der niederen Adeligen „Osanna und Jörg von Rosenberg“ auf den Reliefplatten der Burg Boxberg (Main-Tauber-Kreis) nach 1493 erstellt, heute im Landesmuseum Karlsruhe. Anstatt einer aufwändigen Grabplattengewandung tragen beide hier Alltagskleidung. Sie hat eine Feldflasche im Arm und auch er scheint eher zur Feldarbeit, bzw. zur Inspektion auf dem Feld, vorbereitet zu sein. Sein Rock ist recht einfach gehalten und reicht bis zum Knie.4

Das Bürgertum hatte viele Modesitten des burgund. Hofes, dessen kulturelle Vormachtstellung seit 1477 brach, adaptiert. Die bürgerliche Frau trug entweder die Robe mit hoher Taille, knapp unter der Brust geschnürt nach flämisch-burg. Vorbild mit einem sehr breiten kurzen (bekanntes Bspl. siehe die bürgerliche Stifterin auf Memlings Christopherustriptychon von 1484) oder nach italienischer Mode mit einem schmalen längeren Stoffgürtel.5 Die Schnallen konnten vorne oder auf dem Rücken schließen. Aber zunehmend setzten sich einfachere bürgerliche Formen durch. Der Hauptaugenmerk lag wohl auf der Stoffqualität, zumindest machte es den Malern viel Spaß entsprechende Qualitäten zu visualisieren. Die Jugend trug schmale Stoff- oder Ledergürtel, manchmal kurz ohne erkennbare Zunge, manchmal mit Überlänge. Genauso häufig waren aber auch nach wie vor Bindegürtel aus Stoff, nicht nur bei Darstellungen der Hl. Elisabeth! Neben den „Kettengürteln“ als Stoff-Metall-Kombinationen fanden sich auch einfache Formen bei den Bürgern und wurden vornehmlich von Frauen getragen. Die reine Vollmetallgürtel der Männer, z.B. auf den Dreikönigsbildtafeln abgebildet, finden sich in dieser Zeit nicht bei Frauendarstellungen und sind zum größten Teil erst im XVI. Jh aus der männlichen in die weibliche Mode übernommen worden. Die holde Weiblichkeit der gehobenen Schichten bevorzugte eher die Stoff-Metall-Kombinationen mit kurzen Kettenstücken als „Zungenteil“. Beschläge sind beim gehobenen Bürgertum in einigen wenigen Fällen nachweisbar, aber keineswegs die Regel, Beispiele siehe Bürgers- oder Adelsfrau (?) auf franz Ms_XXVIII von 1469c, auf Schottenstifttafeln Wien von 1470, Maria Magdalena (Adel) auf Baegerts Kalvarienberg in Dmund von 1476, Konstanzer Bürgersfrauen von 1488 oder Wolgemuts Altarbild in der Frauenkirche Nürnberg von 1490c.








Noch einmal zu den gesetzten Schnallenblechen: Auf Abbildungen sind sie, wenn überhaupt, gerade noch an den Kanten zu sehen, oft aber verdeckt der Gurt das Blech vollkommen, im Gegensatz zu den vorhergegangenen Jahrhunderten. Denn vielfach werden nun Doppelschnallen getragen, die das Zungenende des Gurtes „führen“, werden seitwärts gezogen und „fallen nur noch selten aus der Schnalle“. Archäologische Funde zeigen im guten Erhaltungszustand manchmal diese Bleche. Hier ein paar Verweise bei Abbildungen: ConradvSoest Wildungen 1403, Abb. aus Lüneburg 1447, Regler Altar Erfurt 1460, VStoss Krakau 1477-89, St Barbara aus Suedfrank in Bochum 1499c, St Jakobus St Mihiel Anf XVI, Jos u Potiphars Weib 1500, HHolbein d Ae Kaisheimer Altar 1502, Maria in Klosterneuburg 1510-15, Johannes d Evangelist Xanten 1515c, H Holbein d Ae Sebastiansaltar 1516, B Strigel Kinder Rehlingers 1517, „Jakobgeschichte“ Brüssel 1534. Natürlich wurden daneben noch vielfach Schnallen mit gegossenen Befestigungen verwendet, siehe z.B. Magdalena auf Kreuzigung in Salzburg 1470, Wolgemut in Frauenkirche Nürnberg von1490c oder Pilger auf Ospedale dei Ceppo 1528 uvam,


Schaut man sich verschiedene Senkelformen an, können sie nur an Gürteln mit Schnallenblechen befestigt worden sein, ein An-, bzw. Umnähen des Gurtes verengt den Durchlaß durch den Schnallenrahmen [viele Reenacter kennen das Problem passende Senkel zu finden, wenn die Schnalle angenäht oder nur mit einem Niet befestigt wurde, diese Änderungsarbeiten führe ich am Stand oft aus...deshalb und aus meinem Selbstverständnis als „Gürtler“ heraus verwende ich grundsätzlich Bleche, manchmal mit Verzierungen. Nur auf ausdrücklichen Wunsch wird die Schnalle an den Gurt genäht, wie es ein „Riemer“ tun würde.]



Gürtelformen des einfachen Volkes in der 2. Hälfte des XV. Jhs:

Das einfache Volk trug insgesamt deutlich kürzere Übergewandungen. Der „Rock“ reichte dem Mann oft nur bis zum Oberschenkel. So war auch der Gürtel in der Regel deutlich kürzer als beim Adel oder Bürger. Das Obergewand der Handwerker und Bauern wurde figurbetonter als in der ersten Hälfte des Jhs., grundsätzlich meist geschlossen, im Gegensatz zum Knecht oder Gesellen, der manchmal Wams, Unterhemd aus Leinen oder sogar die Unterhose deutlich zeigte, also aufgrund körperlicher Arbeit nicht unbedingt ein Übergewand trug. Frankfurt/Main 1469: „Wenn Gesellen barfuß und ohne Hosen zur Messe oder woanders hin auf Anordnung der Bruderschaft gehen, müssen sie Wachs geben, es sei denn, daß einer keine Hosen oder Hosenbeine hat“. Jugendliche der „guten Gesellschaft“ nahmen sich zuweilen provokant heraus großflächig das Hemd zu zeigen, aber natürlich nicht aus Leinen. Diese Modevariante sollte ab der Jahrhundertwende eine grössere Rolle spielen.

Darstellungen aus dem Volk vermitteln uns eine recht einfache Gürtelmode. Nach wie vor dienten kurze Ledergürtel in verschiedenen Stärken und Breiten, bis zu zwei, drei Finger breit (!), vom Mann einfacher sozialer Schichten (Knechte, Kriegsknechte-Söldner, Handwerker) durch die Wämser und Schecken in der Taille oder auf der Hüfte getragen, dazu die Tasche, manchmal den Dolch zu tragen, so wird in den Quellen explizit der „mannes taschin gortelerwähnt. Schwertgurte sind davon zu scheiden und fielen, vor allem beim Adel oder auch bei Reitknechten mit dem Schwert, auch bei den unteren Chargen der Fußknechte mit der „einschneidigen Wehr“ manchmal erheblich schmaler aus und hatten weniger als Daumenbreite. Zu Beginn des Jhs waren sie noch relativ breit, werden dann aber in den folgenden Jahrzehnten immer schmaler. Das ist aber nicht unbedingt die Regel, denn sie können zuweilen mehrere Finger breit sein und werden in diesen Fällen sicher als „Allrounder“ gedient haben, mit Tasche, Dolch und alltäglichen Nutzgegenständen behängt (Beispiele unterschiedlicher Breite auf einem Altarbild zusammengeführt siehe rechter Flügel Marienaltar Salzburg von 1485c oder Hochaltar im Kloster Blaubeuren von 1494c). Erhaltene Gürtel aus dem militärischen Kontext zeigen recht stabile und schlichte Schnallenformen. Da viele Reenacter Söldner in der 2. Hälfte des XV. Jhs darstellen, bzw militärische Darstellungen bevorzugen, wäre nach der Quellenlage eher „kurz-breit“ für die Tasche, für das Schwert oder das lange Messer „kurz-schmal“ zu empfehlen. Überlängen zeigen sich nicht, eher werden Riemenschieber verwendet. Bis auf wenige höfische Szenen mit adeligen Protagonisten (s.o.) zeigen sich Überlängen auch nicht unbedingt wenn der Riemen für die Waffe bei den unteren Chargen als Schultergurt dient, was nach Abbildungen gut belegt ist.

Kriegsknechte und Schergen werden u.a. durch „Geißler“ und „Wächter“ bei der Jesus Gefangennahme und Vorführung vor der Obrigkeit oder durch die „Würfler“ auf den Kalvarienbergen thematisiert. Für alle „ländlichen“ Darstellungen seien die auf den Tafelbildern nun immer zahlreicher erscheinenden „Hirten“ eine gute Orientierung. Die Anzahl der Abbildungen mit Gürtelbeschlägen nimmt in der 2. Hälfte des XV. Jhs, gegenüber der 1. Hälfte deutlich ab. Es zeigen sich zuweilen noch recht einfache Dornlochbeschläge und rosettenförmige Zieren, aber die meisten Gürtel der unteren Chargen zeigen keine Zier. Der Höhepunkt der metallreichen Gürtel lag im XIV. Jh und in den frühen Jahrzehnten des XV. Jhs.

Frauen unterer Schichten trugen den Gürtel, mit einer gewissen Tendenz zu schmalen Ausführungen aus Leder oder Stoff in der Taille oder lose auf der Hüfte. Auch reine Bindegürtel aus Stoff waren recht häufig, mit denen eine Schürze gerafft werden konnte, wenn die Schürzenbindung nicht selbst die Funktion eines Gürtels erfüllte. Mit anderen Worten alle Breiten und Längen, alle Materialien, sind belegbar, abhängig wohl eher vom Nutz- und weniger vom Zierwert. Es gab auch Sondervarianten ohne Schnallen, die durch ein Bindesystem mit Nestelspitzen schloßen [Bilder werden folgen]. Als Quellen für die Alltagskleidung mögen die zahlreichen Bilder aus den „Marienleben“ dienen, in denen Hauspersonal und Mägde dargestellt werden. Die Festtagskleidung wird in den Tempelgängen, denn das sind besondere Tage im Leben der Protagonisten, zum Ausdruck kommen. Beschläge finden sich auf den Gürteln der unteren Schichten in der 2. Hälfte des XV. Jhs selten, denn das stand, wenn überhaupt noch Modesitte, eher den begüterten bürgerlichen Frauen zu, Beispiele siehe oben. Scheinbar wurden beschlagene Gürtel aber noch von Hübschlerinnen oder weiblichen „Bewirtungen“ getragen, siehe unten Beispiel aus Dresden von 1475-80.








Gürtelrekonstruktionen

= Gürteltypen, die sich teilweise bis Anf. des XVI. Jhs hielten =








XV

-

XVI

Handwerker und Bürger

neben grossen D- oder hufeisenförmigen Schnallen finden sich auch grosse runde Schnallen an Männergürteln in Kalkar und Nürnberg 1460c und häufig im künstl. Schaffen Baegerts so in Münster 1470c, 1480v und 1485c, Dortmund 1476, hier „Josef“ Stolzenhain 1490c, Kalkar 1493v, Wesel 1494, Kalkar 1503, München 1503

Für den Handwerker besser mit einfachem oder ohne Ort, für den „betuchten Bürger“ mit, siehe rechts



XV_210_me

30 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

Schnalle (nach 1450)

und gr. Ort 3,5 x 3,5 cm (bereits seit Anf XV)

montiert 95,00 EUR

[oft werden diese Schnallen auf Abb. sehr hell dargestellt, eine Variante aus Zinn ist wahrscheinlich und als Replikat umsetzbar, Knochen wäre in der Größe relativ instabil, aber möglich, bei Geweih müsste es sich schon ein sehr kapitales Tier handeln]



mögliche Tragweise



Es gibt auch Varianten, die die Schnalle angenäht oder mit zwei Nieten befestigt haben, wie der Fund aus Köge/Seeland ohne Ortabschluß, Anf des XV. Jhs.

Variante XV_210_me Schnalle angenäht (ohne Blech)

montiert 79,00 EUR








XV

-

XVI




Bauer, Handwerker und Söldner



Typ Doppeloval mit Riefen

ab Mitte XV. Jh bis weit ins XVI. Jh

siehe bei Lochner in Köln, bzw. heute Darmstadt AO 1447 bis spät. auf dem Bild von Reymerswaele Pina_München 1538




XV_205_zi

15 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

Schnalle (nach 1440)

und „Halbmondort“ 1,5 x 1,5 cm (nach 1400)

montiert 59,00 EUR



XV_200_zi

25 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

Schnalle mit Blech (nach 1440)

und gr. „Halbmondort“ 2 x 2,5 cm (nach 1400)

montiert 79,00 EUR






XV

-

XVI



Bürger, Handwerker und Söldner



Doppeloval mit originaler Befestigung aus Messing-/Bronze- oder Eisen-Blechen sinnvoll, um Senkel oder Ort problemlos durch die Schnalle zu führen.

mglw. für den Handwerker/Söldner mit einfachem Halbmond-Ort [Bild wird folgen], für den „betuchten Bürger“ mit verziertem Ort, siehe rechts




XV_211_me

25 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

Schnalle (nach 1440)

und Ort 4 x 2,5 cm (nach 1400)

montiert 89,00 EUR








XV

-

XVI

Einfache Gürtelform für Männer und Frauen



Halbmond“-Ort an Männergürteln („Josef“ auf Regler Altar, Erfurt, Pina München AO)

siehe auch in Wildungen 1403, Nottuln 1410c, Eichstätt 1415c u 1445c, Nürnberg 1437,1440 u 1460, Klosterneuburg 1439v, Laufen 1445c, Lüneburg 1447v, Darmstadt 1450, Aachen 1450n, Erfurt 1460, Hof 1465, Znaim 1444v, St. Florian 1485, Millstatt 1495, St. Mihiel 1500n, Brixen 1500, uvm

häufigste Zungenform in unterschiedlichen Größen und Ausführungen an Taschen und Gürteln im XV. Jh vor allem bei Männern, aber auch bei Frauen

ansonsten finden wir an Frauengürteln zuweilen auch längliche Senkelformen, siehe unten...



15 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

Schnalle (seit 2. Hälfte XV)

Halbmond“-Ort in 2 Varianten:

XV_225_me geschlossen (siehe Bild)

oder

XV_226_me offen (Bild anklicken)

montiert 55,00 EUR













XV

-

XVI

Handwerker und Söldner, Spenglin für den Bürger

Eine andere Variante für den „Ort“ an Männergürteln sind Zungen mit kleinen Ösen, die aus der Zeit der Schleppriemen von Schwertern stammen. Manchmal sieht man noch die Ringe oder kurze Kettenstücke in den Ösen. Sie werden bei den reinen Schwertgurt-Bindesystemen seit der 2. Hälfte des XV. Jhs zur Schwerthalterung nicht mehr benötigt und degenerieren zum reinen Schmuckelement als Zunge.

siehe Prag 1380, Darmstadt 1450, Hofer Altar 1465, Meister d Marienlebens Pina_München 1480 mit kurzem Kettenstück, Aachen 1485c, Kaisheimer Altar 1502, Sebastiansaltar 1516









XV_229_me

Mögliche Tragweise ohne Schlaufung, die aber ebenfalls durchaus Anwendung fand, allerdings eher beim breiten Bürger-Gürtel zur Männer-Houppelande oder -Robe.



XV_229_me

15 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

Schnalle (nach 1440)

und Ort mit Öse 2,5 x 1,5 cm

montiert 55,00 EUR

abgebildete Lochspenglin „Nr.7001“ optional








XV

-

XVI



Festtagsgürtel Bürgerin oder ...



Falls kein „Halbmond“-Ort getragen wird, finden sich auch längliche Senkel an Frauengürteln

z. B. Dresden 1475-80

Wirtshaus, bzw Huebschlerinnen-Szene“ mit beschlagenen Gürteln

Der Adel bevorzugte als Zungen hingegen Varianten mit Scharnierkonstruktionen, kurzen Kettenstücken oder Anhängern.



XV_232_me

15 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

Schnalle (nach 1440)

und Senkel 4,3 x 1,1 cm (bereits seit 1. Hälfte XV)

montiert 59,00 EUR

Lochspenglin „Nr.7001“ optional



XV_227_me

Spenglin „Nr.7010“ optional

für Frauengürtel






XV

-

XVI





Unverzierte Schnallenbleche für einfache Darstellungen, Spenglin für die etwas gehobenere Position.



XV_235_me

15 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

Schnalle (nach 1440)

und Senkel 3,5 x 1,5 cm

montiert 65,00 EUR



XV_236_me

Spenglin „Nr.7010“ optional

auch Lochspenglin „Nr. 7001 od. 7022“ möglich, s.u.






XV

-

XVI

Bürgerin

kleine quadratische oder eckig trapezförmige Schnallen an Frauengürteln in Regensburg 1450c, Rottweil 1450c


Kl. eckige Schnallen mit unverzierten Blechen an Schwertgurten der Männer (s.u.) Memlings „Hl. Georg“ Pina_München 1490, „Hl,.Rochus“ Nürnberg 1490v, Grab Heinr Allbergers_St Jakob in Regensburg 1520



XV_152_me

15 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

Schnalle (nach 1400)

und Senkel 3,5 x 1,5 cm

montiert 69,00 EUR



XV_151_me

15 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

Schnalle (nach 1400)

und Senkel 3,5 x 1,5 cm

montiert 69,00 EUR






XV

-

XVI



Bürgerin

Die Schnallenblechgravur nach einem Fund aus Pierrefonds aus der 2. Hälfte des XV. Jhs und dem Fund eines Senkelfragments aus der Schelde.



XV_153_me

15 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

Schnalle mit Blech (nach 1450)

und Senkel 3,5 x 1,5 cm

montiert 69,00 EUR




XV_250_me

15 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

Schnalle mit Blech (nach 1450)

und Senkel 4,3 x 1,1 cm (bereits seit 1. Hälfte XV)

montiert 69,00 EUR








XV

-

XVI







Mit Beschlägen und verzierten Blechen für das gehobene Bürgertum.



XV_251_me

15 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

Schnalle mit Blech (nach 1450)

und Senkel 4,3 x 1,1 cm (bereits seit 1. Hälfte XV)

und 10 Spenglin „Nr.7010“

montiert 99,00 EUR




XV_252_me

Lochspenglin „Nr.7001“ optional













XV

Einfache Gürtelform für Männer und Frauen


Grosse eckige Doppelschnallen an Frauengürteln in Niederbayern ohne Ort 1440, Marburg 1470c, Bern 1500n


an Männergürteln „Wurzacher Altar“ 1437, in Eichstaett 1445, Nürnberg 1450c, Aachen 1450n, Münster 1470c, Wien 1470c, Lorch 1475c, Münster 1485c, Wesel 1494, Schw. Gmünd 1500, Zwiefalten 1516v, Mecheln 1520


die Form konnte im Laufe des XV. Jh auch stärker „ausschwingen“



XV_101_eisstzi

30 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

Schnalle Zinn, Beschlag und Senkel Eisen glänzend

montiert 75,00 EUR



XV_102_eisstzi

30 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

Schnalle Zinn, Beschlag und Senkel Eisen glänzend

montiert 85,00 EUR










XV



Eckige Schnalle und Blech mit gerader Kante an schmalem Schwertgurt

Schottenstift, Wien um 1470



XIV-XV_35_eisstzi

30-35 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

Schnalle Zinn, Beschlag und Senkel Eisen glänzend

montiert 89,00 EUR





Eckige Schnalle und langes Blech mit gerader Kante und breitem Schwertgurt Blaubeuren 1494.








XV



Handwerker und Söldner



Flach geschweifte Wellenformen mit Einschnitt bei Schnallenblechen und Zungen finden sich im gesamten XV. Jh., siehe auch Schnallenblech einer Churburg-Rüstung um 1450, heute in Glasgow.



XV_20_eisst

20 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

Schnallen, Beschlag und Senkel Eisen glänzend

montiert 75,00 EUR



XV_30_eisst

30 mm Riemen (natur/dunkelbraun/rot/schwarz)

Schnallen, Beschlag und Senkel Eisen glänzend

montiert 85,00 EUR







Historischer Kontext:

Die ersten Jahrzehnte des neuen Jhs. brachten viel Leid durch religiöse und innenpolitische Auseinandersetzungen. Der Kaiser kämpfte in Norditalien. Die Gewinne aus den neuen Kolonien konnten die enormen Kriegskosten nicht decken. Bürgerkrieg, wirtschaftlicher Rückgang und Geldentwertung liessen weite Landstriche veröden und die Bauernschaft verarmen. Demgegenüber stand das Wachstum der Städte und viele gewannen internationales Ansehen, so daß das Bürgertum, zunehmend, emanzipiert einen eigenen Modestil prägte. Italien war in diesen Belangen, durch die lange Tradition der Stadtrepubliken, bereits weit fortgeschritten. Die Italiener bevorzugten weniger die spitzen langen gotischen, sondern eher runde Formen, so daß sich die ital. Mode weit von der nördlichen Entwicklung der burgundischen Formen entfernt hatte.

Im Reich liefen in der Sachkultur viele spätgotische Formen zu Beginn des Jhs noch weiter. Gleichzeitig wurde in der Mode, vermutlich durch ital. Einfluß, nicht mehr die himmelstrebende Vertikale, sondern die Horizontale betont. Kopfbedeckungen wurden flacher, die Linien der Schultern und Arme und auch das Schuhwerk gingen in die Breite. An den Gürteln der einfachen Schichten wurden nun auch bei Frauen lederne Taschen getragen, das war ein Novum.



- Spätgotische und frühe Renaissance Formen -

(siehe zunächst oben, denn viele der Formen liefen über die Jh-Wende hinaus. Männer breite, Frauen schmale Formen)



= SEITE IN BEARBEITUNG =

Rinke = Schnalle / Spenglin = Beschlag (Niete) / Senkel oder Ort = Zunge

eis = Eisen, me = Messing, bz = Bronze, zi = Zinn, vz = Verzinnt, vs = Versilbert, si = Silber

FO = Fundort, AO = Aufbewahrungsort



Die Quellen für den Beginn des XVI. Jhs.:

Bislang galt die Reichskleiderordnung, oft noch durch die Städte modifiziert, und regelte was jedem Stand an Gewandung angemessen war. Auf dem Reichstag zu Augsburg 1530 wurde dem Bauern bsplw. vorgeschrieben nur einheimische Tuche zu verwenden. „Und die röck nit anders dan zum halben Waden, auch daran nit über sechs falten machen lassen sollen...und eyn barchen Wammes on grosse weite ermeln machen lassen aber in alle weg unzertheylt, unerschnitten und unzerstückelt.“ Verboten waren ihm „straussfedern oder seiden hosenbendel und ausgeschnitten schouh, noch bareten, sondern hüdt und kappen.“ Der Bauersfrau waren goldener und silberner Zierrat und ein Seidengürtel verboten und nur den Jungfrauen ein „harbendlin von seiden“ erlaubt. Die Bürger wurden eingeteilt „Item nach dem in stetten gemeynlich dreierley Burger und innwoner seind als gemeyne Burger und Handtwercker, kauf und gewerbsleut und andere so im Radt von geschlechten oder sunst ehrlich herkommen und irer zinss und renthen sich erneren.“6 Die Bürgersfrau durfte sich mit unvergoldetem Silber schmücken. Dem Kaufmann wurde edles Tuch zugestanden aber vom Wert nicht über zwei Gulden pro Elle. Seine Frau soll kein Kleid mit mehr als zwei Ellen Samt, Seide, Atlas oder Damast verbrämen. Ein Gürtel durfte ihnen bis zu 20 Gulden wert sein. Auch dem Patrizier (Stadtadel) wurde Mäßigung auferlegt, indem er sich nicht prunkvoller als der Kaufmann zeigen sollte. Den Stadträte oblag es die Einhaltung der Ordnungen zu überwachen, doch gleichermassen versuchten die Bürger sie zu umgehen.

Nur die Landsknechte durften sich, mit Duldung durch die Potentaten, auffällig kleiden. Waghalsige Farbkombinationen erfreuten das Auge. Das geschlitzte Zeug fand sich, als Anleihe aus Italien, hauptsächlich bei ihnen.

Im zunehmenden Maße wurden in der bildenden Kunst Themen der Historie, vornehmlich der Antike, Mythen und Allegorien verarbeitet. Buchdruck und Holzstiche dienten in der Verbreitung einem grösseren Publikum als je zuvor.

Bilderstürmer der Reformation sollten religiöse Bildwerke zerstören, daß uns manche Quelle verloren ging. Im Zuge dessen wurde auch viele Klöster aufgelassen und auf Geheiß der Landesherren liturg. Geräte und Goldschmiedearbeiten eingeschmolzen, sogar das Abschaben des Goldes von den Bildwerken wurde befohlen.

Erst zur Mitte des Jhs. sollte die Mode durch Karl V. und den spanischen Einfluß strenger werden. Die Vornehmen werden wieder in Schwarz gekleidet gehen, wie vormals am burg. Hof, aber das ist eine andere Geschichte...








Quellen und weiterführende Literatur:

- Becks, J. u. Roelen, M.W.: Derick Baegert und sein Werk, Wesel 2011.

- Bergamini, G.: Miniatura in Friuli. Catalogo. Villa Manin di Passariano (Udine) 1985.

- Borchert, T-H. (Hrsg.): Van Dyck bis Dürer. Altniederländische Meister und die Malerei in Mitteleuropa, Stuttgart 2010.

- Desch, J./Herrbach-Schmidt, B.(Hrsg.): Mittelalter. Führer durch die Abteilungen HMA u SMA. Badisches Landesmuseum Karlsruhe 2009.

- Die Welt des Hans Sachs, Ausstellungskatalog der Stadtgeschichtlichen Museen Nürnberg 1976.

- Embleton, G. u. Howe, J.: Söldnerleben im Mittelalter, dt., Stuttgart 2006.

- Geppert, S.B.: Mode unter dem Kreuz. Rogier v d Weyden und seine Zeit. Kleiderkommunikation im christl. Kult., Dissertation, Wien 2010.

- Geppert, S.B.: Mode unter dem Kreuz. Kleiderkommunikation im christl. Kult., Salzburg 2013.

- Husslein-Arco, A.: Sammlung Mittelalter im Belvedere, Wien 2014.

- Lenhart, U.: Kleidung und Waffen der Spätgotik III 1420-1480, Wald-Michelbach 2005.

- Lichte, C. u Meurer, H.: Die mittelalterl. Skulpturen. 2. Stein- und Holzskulpturen 1400-1530, Landesmuseum Württemberg, Stuttgart 2007.

- Moraht-Fromm, A./Schürle, W.: Kloster Blaubeuren. Der Chor und sein Hochaltar, Stuttgart 2002.

- Saliger, A.: Der Wiener Schottenmeister. München 2005.

- Schawe, M.: Alte Pinakothek. Altdeutsche und altniederländische Malerei. Katalog der ausgestellten Gemälde, Bd. 2. Ostfildern 2014.











...so endt das „medium aevum“ und eine neue Zit bricht an...





...und jetzt kommt´s... haben wir Christen uns bisher in „Nächstenliebe“ selbst zerfleischt, den slawischen und islamischen Nachbarvölkern mit Feuer und Schwert die „Segnungen unseres Glaubens“ gebracht, so sind nun Völker in Afrika und Amerika an der Reihe. Es sollte nichts mehr so sein wie es war, wenn die Europäer, diese lächerliche Herrenrasse, die sich ethisch und moralisch so überlegen glaubt, auf den Rest der Welt losgelassen werden wird...




...muss mal gesagt werden, schließlich stellen wir als Reenacter keine schöne Zeit dar, wir tragen eher zur Beschönigung bei und können uns vielfach nicht von einer „romantischen Verklärung“ freisprechen. Aber das Mittelalter war eine Epoche der Knechtschaft, der Sklaverei und Unfreiheit, sowohl für den Einzelnen, wie für die breite Masse, eine Gesellschaft der Eliten mit Adelswillkür und Pfaffenherrschaft, Intoleranz und vielfältigsten Beschränkungen… das, und noch viel mehr, wird ab dem XVI. Jh auf ferne Kontinente exportiert, gräbt sich tief in fremde „Volksseelen“ ein, wo Menschen vollends deklassiert werden, erniedrigt mit despotischer Unterdrückung – kein Wunder, das man dort irgendwann von Europäern mehr als die „Schnauze voll hat“, uns abgrundtief hassen wird und bei sich bietenden Gelegenheiten auch zurück schlägt (politisch oder religiös motiviert)…, vielleicht sollte ich doch mal über eine „Sansculotten“-Darstellung nachdenken? Aber die Franz. Revolution hat die kolonialen und imperialen Bestrebungen auch nicht beendet, ganz im Gegenteil, sondern die napoleonische Konterrevolution ausgelöst und neue Kräfte an die Macht gebracht. Besitzbürgertum, „Industriebarone“ und Bankiers verhielten/verhalten sich seit dem XIX. Jh nicht grundsätzlich anders als die Herren im Feudalsystem, Besitz gilt es zu erhalten, besser noch zu mehren und Macht korrumpiert (ein wenig Polemik zum Abschluß sei erlaubt wenn man die Vergangenheit mit - neuzeitlicher Überheblichkeit – beurteilt und bisher eher mit „Skalpell und feinem Pinsel“ gearbeitet hat, ist für die Gegenwart nun die grobe Variante dran...herrlich sich mal so richtig auszukotzen nach den vielen mühsam „gedrechselten“ Worten).

Heute sind es deren Nachfahren, die „Rockefellers“ der x-ten Generation, die sich wie Raubtiere gebärden und sich immer neue Freiräume verschaffen. Unsere moderne Kultur der Nachkriegszeit ist im Kern ein „Kind der USA“. Wir haben den Amerikanern auch einiges zu verdanken, daß sie uns, einer so selbst entarteten Nation, die Rückkehr in die Völkergemeinschaft ermöglichte, wir Akzeptanz und Ansehen zurückgewinnen konnten. Und alles hat seinen Preis. Im Ausgleich wurden wir Empfänger von Transferleistungen auf unterschiedlichen Gebieten. „Freunde“ waren wir niemals, eher Bündnis- und Konsumpartner. Wir wissen schließlich auch was wir von den „Freunden Roms“ zu halten hatten. Es mag jetzt ein wenig billig sein auf der “Anti-Amerika-Welle“ zu reiten, aber es sollte klar werden, daß von jenseits des Atlantiks aus den Schaltzentralen der Macht in Politik und Wirtschaft nicht die vielfach propagierte „Freiheit“, sondern ein Wirtschaftsleitsystem mit ausufernder Liberalisierung, unkontrolliertem Finanzkapital, mit Monopolismus und absoluter Marktbeherrschung kommt. Das ist keine Frage des gerade amtierenden Präsidenten, sondern eine des Systems ! Was im Augenblick passiert treibt alles auf die Spitze und dieses „Kasperletheater“ wird die Supermacht USA auf lange Zeit diskreditieren. „Freiheit“ gibt es in den USA tatsächlich, aber die ist personell-individuell und entsteht auch drüben eher im gesellschaftlichen „Underground“. Ansonsten heißt es unvermeidlich: „Geld regiert die Welt.“ Diese Machenschaften werden uns, auf Kosten von Schwächeren, Unprivilegierten, von Mitbewerbern, von Natur und Umwelt, als unvermeidlicher „Kampf um Märkte und Ressourcen verkauft“, hinzu mit der Hybris des Wachstums und des Mehrwerts, da Aktienmärkte und Anleger dies fordern,...Zahlen auf Papier und in den Rechnern ohne ausreichend reale Güter und Gegenwerte! Und alles geschieht in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit, nicht zuletzt durch Technik und Digitalisierung vorangetrieben, jeden bis zur Atemlosigkeit erfassend, weil man einfach „mit muß“. Geld ist zum Maßstab aller Dinge geworden, an dem schlichtweg alles gemessen wird, um rentabel, profitabel und effizient zu sein. Sind das wirklich erstrebenswerte Ziele ??? Wir sollten eigene Wege gehen und, wenn einmal vorhanden, die Errungenschaften unserer „sozialen Marktwirtschaft“ nicht weiter aushöhlen. Sicher würde es grundsätzlich bessere Wirtschafts- und Gesellschaftsformen geben, aber Utopien sind immer nur schwer realisierbar. Vorrangig muß im Vordergrund das Allgemeinwohl stehen und nicht die Interessen einiger weniger. „Eigentum verpflichtet“ laut Art. 14 des Grundgesetzes, deshalb darf es auch nicht in die Hände von verantwortungslosen Spekulanten geraten, die sich allen Verpflichtungen enthoben glauben...

Wir hätten mehr lernen müssen aus unserer Geschichte, „ein altes Lied“... und das Mittelalter ist hierzu ein gutes Negativ-Beispiel. Adel und Klerus zählten, das Besitzbürgertum gesellte sich dazu, der Rest war Pöbel, rechtlich “dem Vieh gleichstehend“. Persönliche Freiheiten, die in vorchristlichen Gesellschaftsformen mit erheblich geringerer Bevölkerungsdichte in unserem Raum mglw. existierten, gingen mit römischer und feudaler Unterdrückung definitiv verloren. Sie konnten in den letzten zwei Jahrhunderten in einem „bürgerlichen System“ mühsam erkämpft werden, suggerierten der Masse bis heute ein gewisse Freiheit, die wahren Profiteure spielen auf einer anderen Ebene, s.o., und werden nun mit der Digitalisierung, den zunehmenden Kontrollsystemen im „Kampf gegen den Terror“ (und gegen den Bürger), mit den übermächtigen Finanzmächten aufgegeben. Ach wie herrlich „frei“ sind wir heute..., gleichen wir mögliche Verluste also mit Konsum aus, verhalten uns systemkonform im Sinne der Profiteure, und werden einfach „glückliche Menschen“...ich habe den Eindruck, daß die Science-Fiction-Filme aus meinen Kindheitstagen allmählich Realität werden...aber die kamen ja auch aus den USA...

Wer sich an die Vergangenheit nicht erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“

George Santayana



V.-VIII. / IX.-XII. / XIII. / XIV. / XIV.-XV. / XV.Jh




zum Wert eines Gürtels siehe HINWEIS auf der ersten Seite




Exkurs: Überlegungen zu Tafelbild und Aufführung/Schauspiel als Quelle

Den Malern gelang es in den Bildern etwas vollkommen neues auszudrücken. Wohl waren prunkvolle Requisiten in den Geburts-, Passions- und Kreuzigungszenen wichtige Bestandteile, doch neben diesen zeitgenössischen Details muten viele geradezu fantastisch an, zeigen eine unzeitgemäße oder ortsferne Verzerrung mit Dingen, die man nicht unbedingt dem europäischen Alltag zurechnen würde. Hinzu wurde nicht nur die Mode mit Gewändern, Stoffen und Schmuckaccessoires thematisiert, sondern auch natürliche Erscheinungen, wie Lichtspiegelungen, unwichtige Details wie Gestrüpp in den Mauerritzen, Gewächse am Wegrand oder Falten im Gesicht der Protagonisten. Durch die neuartige Verwendung von Perspektive in der Gesamtkonzeption des Bildes drängt es sich geradezu auf anzunehmen, daß sich die Maler von Laien-Schauspielen inspirieren ließen, wie den oft in den Niederen Landen zelebrierten Dreikönigsspielen, die sich seit dem XI. Jh aus der Epiphanie-Liturgie entwickelt hatten. Und es ist bekannt, daß gerade in den Niederen Landen, dem Ausgangspunkt der neuen „Realismus-Malerei“ öffentliche Aufführungen, Schauspiele und Umzüge zu einem absoluten Höhepunkt geführt wurden, gepaart mit der devotio moderna seit 1400, welche die „Nachfolge Christi“ geradezu als eine Teilnahme am biblischen Geschehen forderte, zunächst im privaten, mglw. aber auch im öffentlichen Bereich. Zur Bildfindung und Komposition mögen die Maler bereits seit Ende des XIV. Jhs Anleihen beim Schauspiel gemacht haben, doch die Überhöhung der Bildinhalte durch fehlende Räumlichkeit, Goldhintergründe oder Aureolen schufen keine Wirklichkeitsnähe. Der Durchbruch zu realistischen Darstellungen bildete erst der neue Malstil des XV. Jhs, sensationell bestechend durch die Anwendung von Perspektive und durch die Verwendung von hochglänzenden Ölfarben statt der bisher verwendeten stumpfen Tempera-Farben. Aus der genauen Beobachtung und Aufnahme von natürlichen Details, kombiniert mit den schauspielerischen Elementen und bühnenartigem Aufbau entwickelte sich ein neuer Kunststil, der vielfach kopiert wurde und eine Normierung nach sich zog, alte Mal- und Sehgewohnheiten ablöste. Bereits A. Saliger merkte an, daß die Interieur-Szenen des Wiener Schottenaltarretabels von 1469-72 eine Wirkung von „Spielständen“ in Kulissen hätten, wobei die realiter dahinter befindlichen Bauten der Stadt auf den Aufführungsort Wien verweisen könnten. Nicht nur Durchblicke, auch Trennwände und Podien als Bühnenversatzstücke wurden in den Bildern thematisiert. Auffallend sind die personellen Wiederholungen von Statisten auf unterschiedlichen Bildtafeln des Wiener Altarretabels, als wären es dieselben Beteiligten in unterschiedlichen Szenen!7

Im zunehmenden Maß gerieten erfreulicherweise nun auch untere soziale Schichten ins Blickfeld der künstlerischen Darstellung, als Handelnde oder Nebenpersonen im Hintergrund! Die Hauptakteure in den „Szenen“ sind meist zu entschlüsseln, sollten aber für den heutigen Reenacter aus genannten Gründen mit einem gewissen Abstand betrachtet werden, während Statisten des Hintergrunds oft unmittelbar dem städtischen Alltag entnommen zu sein scheinen. Wie ein Spiegelbild des Publikums, erscheint dessen Kleidung zeitgemäß, wirkt oft abgetragen oder verschlissen. Auch mit den Schergen als Wächter, Peiniger oder Würfler wurden einfache Darstellungen thematisiert. Doch in welcher Form? Ihre Kleidung wirkt zeitgemäß, in Details manchmal allerdings auch scheinbar überzogen. Dargestellte Gegenstände als ursprüngliche Requisiten der Schaupiele sollten mglw. bewußt befremdlich sein, um die zeitliche und örtliche Distanz des Dargestellten zu verdeutlichen, andere alltägliche Dinge wurden umgeformt oder ungewöhnlich arrangiert, bzw neu kombiniert. Durch die Verhöhnung Christi geben die grienenden, diabolisch grinsenden Gesichter der Schergen eine gewisse Einfältigkeit wieder, vermitteln zuweilen den Eindruck als wären sie wahnsinnig. War dies ein spezieller Kunstgriff des Malers, als mußte man in den Augen dieser Zeit in diesem Geisteszustand gewesen sein es zu wagen den „König der Könige“ zu verspotten und zu schlagen, könnte dahinter das Gebärdenspiel und die expressive Mimik von (Laien-)Schauspielern zum Ausdruck kommen, die vor Publikum deutlich agieren mussten? Egal wie man zu den Überlegungen „Tafelbild-Schauspiel“ steht, für den damaligen Betrachter eines Stückes, wie für den heutigen Betrachter eines Bildes ist der expressive Ausdruck gleichsam von hohem Aussagewert.8




1/Hierzu sei vielleicht eine leicht provokante Anmerkung erlaubt. Wer eine glaubwürdige Adelsdarstellung im Umfeld des burgundischen Hofes beabsichtigt, sollte sich tatsächlich höfische Formen antrainieren. Einfach nur schicke Sachen anziehen, reicht meiner Ansicht nach nicht aus. Es ist eine Frage des Ausdrucks, um diese selbst gewählte Rolle auch glaubhaft auszufüllen. Gerade der burgund. Hof zeichnete sich in der 2. Hälfte des XV. Jhs, neben seiner Prunksucht und den Inszenierungen, auch durch übertriebene Strenge und Etikette aus. Viele Adelige schickten ihre Söhne an diesen Hof, so daß sich von dort unmittelbar Kleidung und Sitten in ganz Europa verbreiteten.

2/Siehe im Detail P. Marx in: Becks, Derick Baegert, S. 51. Anzumerken gilt, daß der regionale Wechsel von Modeformen für den heutigen Betrachter vor allem an der Übernahme dieses neuen Malstils und der neuen Bilderkonvention ablesbar ist! So ist die frühe Übernahme im Maas- und Rheinland (z.B. durch Stefan Lochner in Köln), in unmittelbarer Nähe zu den reichen Städten der Niederen Lande, absolut nachvollziehbar, mit einer zeitlich verzögerten Ausbreitung in die östlichen und südlichen Reichsgebiete, wo die Malerei der altniederländischen Schule erst deutlich in der zweiten Hälfte des XV. Jhs fasst (z.B. Meister des Schottenaltars in Wien um 1470). Damit stellt sich für den Reenacter nun das Problem zu erkennen inwieweit die Kleidung der Protagonisten nun einen zeit- und ortsgemässen Bezug durch Aufnehmen des bereits üblichen erfährt oder wurde mit den Bildtafeln erst der Bedarf nach neuer Mode geweckt, die es nachzuahmen galt? Mit anderen Worten, waren der Osten und Süden Dtlds modisch rückständiger, bzw. anders ausgerichtet, da ihre Kleidung sich entweder in den alten Kunststilen (böhm schwerer Stil) dokumentierte oder mehr ital. Einfluß empfingen und war der Westen modischer Vorreiter, da sich hier neue Stile ausdrückten? Wäre dem so, dann sollte ein süddt. oder oberösterr. Reenacter des XV. Jhs sich davor hüten bzgl. des Gürtels z.B. an Formen aus London, Dijon, Brügge oder Antwerpen zu orientieren. Denn dort herrschten den Bildern nach zu urteilen zeitgleich andere Modeformen vor als in seiner Heimat.

3/Kühnel, Alltag im SMA, S. 42. Hier wird auch noch einmal recht deutlich gemacht, daß ein gelbes Kleid nicht automatisch die Dirne kennzeichnete, sondern es gewisse Accessoires waren, die regional unterschiedlich, wie Tüchlein, Kappen, Schleier, etc. von gelber, roter oder grüner Farbe oder Farbanteilen den besonderen Status hervorhob, wobei Gelb durchaus seit röm. Zeit als galante, erotische Farbe galt. Aber es wäre beispielsweise in Städten mit Anteilen von Gelb im Stadtwappen, wie Aachen, Amberg, Coburg, Dortmund, Goslar, Heilbronn, Nördlingen, oder beispielsweise Herzogenaurach mit dem steigenden schwarzen Löwen auf gelbem Grund unsinnig gelb bekleidete Personen der Prostitution zuzuordnen, wenn dort Stadtbedienstete in irgendeiner Form gelb-schwarze Livrees getragen haben dürften.

4/Desch- Herrbach-Schmidt, Mittelalter, Badisches Landesmuseum Karlsruhe, S. 120

5/Thursfield, Mittelalterliches Schneidern, S. 152.

6/Zitate aus Die Welt des Hans Sachs, S. xviii

7/Zu den Schauspielen siehe dazu auch A. Saliger, Der Wiener Schottenmeister, S. 57ff, S. 160 und S. 157 zu den Dreikönigsspielen, mit der illustren Nebenbemerkung, daß dafür Kronen der Hl Könige auch aus Papiermasché gefertigt sein konnten. In Antwerpen war Ende des XV. Jhs das Bildthema „Anbetung der Heiligen Drei Könige“ recht beliebt. Man führt dies auf das internationale Klientel der dortigen Kaufleute zurück, die sich möglw. in den weit gereisten Protagonisten wiederzuerkennen glaubten [Pinakothek, S. 289]? Im übertragenen Sinne symbolisierten die drei Könige die Lebensalter und zugleich die Erdteile Europa, Asien und Afrika, weshalb der König des letzteren oft als Schwarzer Darstellung fand. [Ars Sacra, S. 121] Die Könige zeigen sowohl hochmodische, äusserst kostbare, als auch fantastische Ausstattungsmerkmale, um die Fremdartigkeit der Weitgereisten zu betonen. Wie bereits erwähnt sind manche Bildinhalte mglw von den beliebten sakralen Bühnenstücken angeregt worden, deren Anfänge seit dem 11. Jh. bei den Krippen- oder Dreikönigsspiele, der Passions- oder Kreuzigungsszenen, wie dem späteren „Volkreichen Kalvarienberg“ lagen. In Frankfurt/Main waren 1493 an der Darstellung des „Kalvarienbergs“ 280 Personen beteiligt. Um die jeweiligen Protagonisten zu identifizieren war es unerläßlich sie durch Kleidung und Attribute kenntlich zu machen. Wilhelm Rollinger inszenierte in den 1480er Jahren das Wiener Passionsspiel bei St. Stephan nach dem Vorbild des Passionsspiels von Freiburg im Breisgau, das sich wohl im Programm des reliefierten Ratsherrenchorgestühls, 1486 im Dom vollendet, niederschlug, 1945 verbrannt. Ein Abglanz des Spiels mögen die Wandmalereien von acht Passionsszenen an der Außenwand des Stephansdoms wiedergeben?

Es ist vielleicht gar nicht zu vermessen Überlegungen anzustellen, ob Schauspieler mit ihren Kostümen und Teilen der Ausstattung den Malern direkt Modell standen, ähnlich wie es von Rembrandts „Nachtwache“ aus dem XVII. Jh bekannt ist? Das Hauptbild des Marienaltars in Salzburg von 1485c zeigt diesbzgl. ein interessantes Detail. Die drei Könige erweisen dem neugeborenen Jesus ihre Referenz. Der schwarze König trägt Stiefel, glaubwürdig für einen reisigen Reiter, zumal im Hintergrund das Gefolge auf den Pferden wartet. Der König mittleren Alters, gerade im Begriff zu knien trägt zu seinen Strümpfen die offenen Leder-/Korksandalen („Schläppchen“, Originale z.B. im GNM, Nürnberg oder Ledermus Offenbach), die häufig an spätmittelalterlichen Protagonisten auf stadtthematischen Bildern auftauchen. Für einen Reiter wären sie ausserordentlich unpraktisch, sie gelten auch nicht unbedingt als königliches Attribut, stehen einem hochstehenden Bürger/Patrizier, als Laienschauspieler in diese Rolle geschlüpft, aber durchaus, denn sie entstammen genau seiner Sphäre. Ähnlich dazu siehe auch das Bild der Anbetung des Antwerpener Meisters in der Pinakothek München von 1520, hinzu mit stark orientalisierenden Elementen. Man kann die Sache nun weiter ausspinnen, ein nobler Bürger übernahm im Kostüm die Rolle des Königs, behielt aber sein eigenes Schuhwerk an, könnte vielleicht auf der Bühne gestanden haben und wurde dann im Atelier des Malers für die Nachwelt erfasst. Das wäre eine der vielen Erklärungen für die faszinierende Detailtreue der SMA-Malerei mit ihrer „fotografischen Genauigkeit“, die den Maler wohl in Bildkomposition und Ausführung forderten, aber in den Details nicht unbedingt als Auswüchse seiner Phantasie gedeutet werden müssten. Die Maler waren hinzu durch die Kulissenerstellung bereits unmittelbar an der Durchführung der Schauspiele beteiligt [siehe P. Marx in: Becks, Derick Baegert, S. 54]. Möglicherweise fertigten sie sich während der Aufführungen auch Skizzen an, die sie für die späteren Tafelbilder verwendeten. Wie bereits erwähnt, wird in der Kunstgeschichte zuweilen die bühnenartige Komposition der Figuren hervor gehoben. Waren die Aufführungen eher minimalistisch ausgestattet oder wurde geprunkt? Es ist denkbar, daß es ähnlich wie heute bei diesen Stücken unterschiedliche Praktiken gab, abhängig von Zeit und Ort, Autor, Publikum und finanziellen Mitteln, natürlich immer im Bereich dessen, was die städtischen Gewalten zuließen. Wobei diese Massanaufläufe eine unkontrollierbare Eigendynamik entwickelten, wie zelebrierte Karnevals- und Fastnachtsbräuche oder der „Schembartlauf“, siehe Anmerkung „Prozessionenauf der index-Seite. Sind die „turbangeschmückten Orientalen“ als Juden oder Byzantiner/Rhomäer/Römer nur eine Konvention, bzw. Codierung, um auf den eigentlichen Schauplatz des Heiligen Landes hinzuweisen [siehe dazu Fußnote auf der Ersten Seite unten] oder spielen sogar politische Bezüge nach 1453 durch Türkengefahr und Schaffung eines Feindbildes mit hinein? Spätgotische Tafelbilder zeigen zuhauf orientalische Merkmale und Protagonisten in edlen Stoffen mit östlichen Motiven, Turbane und weitere eigentümliche Kopfbedeckungen, breite Bindegürtel, Wehrgehänge mit Kettenverbindungen und Krummschwerter, Fratzen und Schreckmasken auf Schilden, Metallgürteln und Rüstungen (manches davon beschränkte sich nicht auf „Schauspiele und deren Abbildungen“, sondern wurden nachweisbar realiter getragen, da in Museum und Rüstkammern noch erhalten). Zugleich wurde dies mit Accessoires aus dem heimatlichen Umfeld des Betrachters verbunden. Verzerrungen, Verfremdungen und orts- bzw. zeitgemäße Realien bildeten ein buntes Gemenge. Ansätze waren bereits auf Abbildungen Mitte des XIII. Jhs. erkennbar (bsplw byzant. Rüstung auf „Kreuzigungsszene“, Dombibliothek Hildesheim), sind vermehrt ab 1400 in vorgenannter Richtung nachweisbar und gerieten im Laufe des XV. Jhs, nicht zuletzt durch den neuen Stil und die neue Maltechnik, zu einer perfekten Illusion, die dem heutigen Betrachter gewisse Probleme bereiten. Vielleicht wurde Unzeitgemässes oder geradezu Fantastisches auf die Bühne gebracht, da die Aufführungsorte in Konkurrenz zueinander standen. Es galt die Gunst eines grossen Publikums zu gewinnen. Ähnlich der Heiltumsschauen, geistlicher, weltlicher und königlicher Prozessionen waren das sicherlich Massenaufläufe mit hohem wirtschaftlichem Faktor! So kann auch recht deftig, vielleicht auch humorvoll, aufgetragen worden sein, um die Gunst des Publikums buhlend. Von der modernen Forschung verworfen, galten aber nach alter Lehrmeinung die Bühnenstücke als ein möglicher Erklärungsansatz für wiederkehrende Motive auf den Tafelbildern, denn sowohl bei den Bildern, als auch bei den Stücken geht es um Eindeutigkeit. Ich halte diesen früher begangenen Betrachtungsweg nicht für verwerflich. Denn Bilddetails und Kompositionen würden also nicht mehr ausschließlich Werkstattkarrieren mit tradierten Motiven, Musterbücher oder Vorlieben des Malers kennzeichnen, die sicher nach wie vor die entscheidende Rolle gespielt haben werden, sondern wären um eine interessante Nuance erweitert. Selbst wenn man nicht so weit geht und ich möchte diesen Aspekt nicht weiter als eh schon vertiefen, ist das genaue Identifizieren von Protagonisten, auf der Bühne für den damaligen Zuschauer, wie, für den heutigen Betrachter auf Tafelbildern, ein gemeinsames Unterfangen, das für uns eine unweigerliche Annäherung der beiden Ausdrucksformen von Schauspiel und Bild-Inszenierung, durch „in Szene setzen, bewirkt.

8/Es liegen, wie bereits erwähnt, höchst tendenziöse Bildinhalte vor. Die Maler wollten eine bestimmte Wirkung erzielen. Die Aussage beschränkte sich nicht auf die „Handlung“ und die Protagonisten, sondern hierzu zählen genauso Mode und Accessoires, also Identifikationsfaktoren, die die Bildwirkung inhaltlich unterstützen. Heutige Darsteller für das XV. Jh. sollten sich aufgrund von Detailfülle und hohem „Realismusgrad“ durch die scheinbare „fotografische Genauigkeit“ der Bilder in manchen Bereichen nicht vorschnell zu einer „Eins zu Eins“-Übernahme verleiten lassen, ausserdem steht das „diabolische Grinsen und Grienen“ der Geißler nicht jedem...