IX.-XII. / XIII. / XIV. / XIV.-XV. / XV. / XVI. Jh





DRAGAL

fertigt und montiert Rinken (Schnallen), Spenglin (Nieten) und Senkel (Zungen)

für den Darsteller/Reenacter im Früh-, Hoch- und Spätmittelalter (FMA/HMA/SMA).

Beratung und Ausstattung für Museen, Dokumentationen, Film- und Theaterproduktionen möglich.

Beispiele nach Jahrhunderten sortiert und in lateinischen Zahlen angezeigt, wählt in der oberen Zeile.

Es wird angestrebt die Gürtelmode vom V. bis zum XVI. Jh. anhand von Gürtelrekonstruktionen exemplarisch vorzustellen, vornehmlich orientiert an zeitgenössischen Kunstwerken, historischen Text- und Bildbelegen und Abbildungen originaler Fundstücke mit dem Schwerpunkt auf untere und mittlere soziale Schichten. Wohl ist mir bewußt, daß der gewählte Betrachtungszeitraum enorm groß ist. Dadurch müssen sich notwendigerweise Vereinfachungen ergeben. Es können nur grundlegende Beispiele und Entwicklungen gezeigt werden. Zur Einführung in die jeweiligen Jahrhunderte werden historische Begebenheiten und Sachverhalte kurz angerissen, damit die jeweiligen Gürteltypen in ihrem historischen Kontext gesehen werden können. Desweiteren ist mir bewußt, daß ich mich in manchen Spezialbereichen auf „Gleiteis“ bewege, bsplw in der Textil- und Stoffkunde. Wenn meine Ausführungen allzu fehlerhaft sind, bitte ich um entsprechende Benachrichtungen zur Korrektur. Die Beschäftigung mit Stoffen ist unumgänglich, aber es ist eben nicht mein Spezialgebiet. Der Gürtel ist Teil der Gewandung, als Gebrauchsgegenstand und bei den gehobenen Schichten als Schmuckstück. Er ist damit der Mode unterworfen und kann in relativ kurzen Zeiten starken Veränderungen unterliegen. „Kleidung ist eine Sprache, mit der in einer Gesellschaft kommuniziert wird.“1 Der Wandel von Formen in der Mode ist nicht nur eine Frage der Ästhetik. Dieser Wandel, die Häufung, das Vorhandensein oder Fehlen von Formen in bestimmten Regionen lassen meines Erachtens Spekulationen über unterschiedliche Strukturen von Herrschaft, Diplomatie, soziale Hierarchien, Religion, Kunst, Technik, Handel, von Warenströmen oder Verkehrswegen, von Rohstoffzugriff oder -verarbeitung zu. Handel bsplw. beschränkt sich nicht nur auf die Sachkultur, sondern ist immer zugleich Träger wichtiger Impulse und Ideen. Die heutige Forschung in ihren vielen Spezialgebieten ist sehr vorsichtig in Deutungsversuchen übergeordneter Art, bsplw. eine Verifizierung von historischen Sachverhalten anhand von archäologischen Artefakten oder die Zuordnung jener zu bestimmten Ethnien. Mit Sicherheit ist die Vorsicht berechtigt, doch ich bin durchaus der Ansicht, daß der heutige Betrachter eines archäologischen Fundstücks oder eines zeitgenössischen Kunstwerks ein Ergebnis obiger Determinanten wahrnimmt und sie zur Erhellung historischer Zusammenhänge beitragen können. Es sind Mosaiksteine im grossen Puzzle der Vergangenheitsbetrachtung.



Originalschnallen XIII. - Anf XIV. Jh

Zu den verwendeten Materialien gilt anzumerken, daß sich diese Seiten technisch bedingt in der Rekonstruktion historischer Objekte auf die Metalle Eisen, Bronze, Messing, Zinn, bzw. auf verzinnte oder versilberte Gegenstände, bei Stoffgürteln auf Leinen beschränken.2 Weitere Materialien werden erwähnt, aber nicht anschaulich gemacht. Die Konzentration liegt auf dem standes- und zeitgemäßen Gürtel, der häufig belegt und nach mittelalterlicher Arbeitsweise und Material für eine grosse Zahl von Darstellungen für Mann und Frau im Reenactment angemessen sein soll.3



Damit meine ich Gürteltypen für eine breite Masse, die untere (z.B. Knechte und Kriegsknechte, Mägde, Schergen, Gesellen, unfreie Bauern, Hörige) oder eine mittlere soziale Schicht (z.B. niedere Beamte, Freisassen oder Freibauern, Bürger als Handwerker oder einfache Kaufleute, darunter auch selbständig agierende Frauen, desweiteren unfreie Ministeriale, höhere Beamte, wie Burg- bzw. Amtmänner, Schultheiße, oder die auf ihren Ritterschlag verzichtenden Edelknechte, Gefolgschaftsführer, Hauptleute, etc.), weitere Fallbeispiele siehe unten4. Es sollen aber kaum exklusive und einmalige Sonderformen aus wertigen Edelmetallen für den Adel/Hochadel (Jarl, Grafen, Herzöge, Bischöfe) gezeigt werden. Den „Ritter“ habe ich bisher ausgeklammert, da dieser sehr dehnbare militärische Begriff zunächst nur den „Reiterkrieger“ bezeichnete. Erst im Laufe der Zeit bildete sich hier ein eigener mittlerer Stand niederen Adels heraus. Ritter als gewappnete Reiter mit Sporen, Schwert, Schild und Lanze werden durch Skulpturen oder auf Grabplatten dargestellt. Dahinter kann sich ein Unfreier, engl. knight (Knecht) in einem Gefolge, ein Ministerialer, ein niederer Adeliger oder auch ein Hochadeliger verbergen, wobei sich in der Regel nur Adelige teure Gräber leisten konnten. Gewappnete an Kapitellen sind da schon schwieriger, und meist nur aus dem Zusammenhang, zu entschlüsseln. Der Stand ist meist an der Exklusivität der Ausrüstung ablesbar, bsplw. an der Farbe des Schwertgurts, dem Material der Sporen, am Wappen, uvam. Als Beispiel sollen hier die Naumburger Stifterfiguren dienen, Mitte des XIII. Jhs erstellt, in ritterlicher Ausrüstung sind es doch adelige Grafen und Markgrafen. Sie werden also deutlich bessere Ausrüstung zur Schau stellen, als ein „gemeiner“ Reiterkrieger/Ritter. Dem Rittertum haftete ein Nimbus an, dem sich selbst Könige nicht entziehen konnten, die höfische Kultur war untrennbar mit ihm verbunden.

Als zukünftiges Projekt werde ich versuchen mir das komplexe Geflecht der mittelalterlichen Ständegesellschaft weiter aufzuschlüsseln, um detailliertere Aussagen zu dargestellten Personen liefern zu können. Grundsätzlich sollte mein Gürtelreplikat dem „prüfenden Auge“ eines Museumsexperten standhalten, falls ein Darsteller hier sein Betätigungsfeld sucht. Ich bevorzuge die „glaubwürdige Darstellung“ und werde weniger mit dem „A“-Begriff operieren. Denn hier verliert man sich in Haarspalterei. Und wer möchte schon aus seiner Darstellung heraus eine Doktorarbeit schreiben und sich damit auf eine wissenschaftliche Diskussion einlassen? Wir haben alle unser „eigenes Mittelalter“ in den Köpfen und jeder legt nach Wissen und Neigung andere Schwerpunkte, fokussiert auf spezielle Aspekte dieser gewaltigen gut 1000jährigen Zeitspanne.



Ich bin „Gürtler“ und nach mittelalterlichen Statuten nur für „einfache“ Gebrauchsgürtel zuständig. Aufwändige Varianten in Silber und Gold wurden damals von den Silber-/Goldschmieden erstellt. Von jenen gingen Innovation, künstlerische Erfindung und Neuerung aus, um den Geltungsdrang potentieller Auftraggeber zu befriedigen. Sie schufen wegweisende Objekte, die als „modisch“ im eigentlichen Sinne bezeichnet werden durften. Nur auf spezielle Anfrage habe ich bisher für Darsteller gehobener sozialer Schichten Werkstücke in Silber oder Schnallen mit Vergoldung und Gürtel in Seide gefertigt (es sei auf die grundlegende Publikation Ilse Fingerlins verwiesen, die sich, neben archäologischen Funden, auch auf recht kostbare Objekte stützt, die obertägig erhalten blieben, hierzu bedarf es keiner Ergänzung meinerseits. Sie erwähnt oft die Borte, weniger Ledergurte und weist damit auch auf die gehobene Qualität des Untersuchungsmaterials hin). Mein Hauptbetätigungsfeld liegt auch nicht bei Horn- oder Knochenarbeiten. Sie konnten im Falle von Elfenbein sehr kostbar sein (siehe Funde aus dem FMA oder auch den vollständigen Gürtel Ende XV. Jh, heute in Dublin, Fingerlin-KatNr.72) oder wurden relativ schlicht im Haushalt erstellt. Der Anteil dieses Materials bei den Gebrauchsgegenständen des Mittelalters war hoch, wie dies archäologische Funde unter günstigen Bedingungen belegen, siehe z.B. die Funde aus Haithabu/Schleswig oder die große Anzahl von erhaltenen Messergriffen, Kämmen, Ahlen, Nadeln, etc aus diversen Stadtgrabungen. Nur selten haben wir auch Nachweise für Schnallen aus diesem Material. Auf zeitgenössischen Abbildungen sind sie schwierig zu interpretieren, mglw sind die Schnallen der beiden „Marionettenspieler“ im Hortus Deliciarum von 1185 aus Horn, da sie farblich genauso gestaltet sind, wie ihre weissen Gurte, siehe rechts unten. Auch die grossen runden Schnallen des XV. Jhs, getragen zur Männerrobe (Typ siehe XV_210_me auf den XV.-Jh Seiten), könnten aus Horn gewesen sein, denn sie werden auf Abbildungen farblich recht hell dargestellt. Möglicherweise ist aber auch eine Versilberung oder Verzinnung gemeint. Archäologisch ist eine solche Schnalle in London, (Egan Nr. 387), mit einem Maß von 47x55mm in einer Zinn-Blei-Legierung nachweisbar. Letztendlich muss ich erwähnen, daß ich auch keine Schnallen aus Halbedelsteinen, wie Bergkristall, Nephrit, o.ä. fertige, wie sie aus dem FMA überliefert sind.



Wie kann man für seinen gewählten Charakter die angemessene Form finden? Eine Frage, die nicht leicht zu beantworten ist. Denn es spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Ort und Zeitpunkt der gewählten Darstellung und sozialer Rang sind ausschlaggebend, aber auch besondere Umstände in denen sich der mögliche Charakter befindet, wie Kriegszeiten, Wik-Fahrt und Plünderung, auf dem Marsch oder im Feldlager (was sicher die meisten Darsteller betrifft), auf der Scholle, auf Reisen, auf dem Thing oder Markt, bei der Ausübung eines Handwerks, auf dem Turnier oder bei einer Festivität, einem politischen Akt, einem repräsentativen Ereignis, einer sakraler oder profanen Prozession,5 am Hof eines Fürsten und Bischofs oder gar bei dem Großereignis eines Königseinzugs oder -empfangs, im Gottesdienst, im Ratssaal oder vor Gericht, uvam. Bei all diesen Ereignissen wird, vor allem bei gehobenem Rang und sozialer Stellung, unterschiedliche Kleidung angelegt worden sein und dazu zählen passende Gürtel! Militärische Darstellungen erfordern gänzlich andere, z.B. stabile Formen, als zivile repräsentative Darstellungen, wo Ornament und schmückende Zier in den Vordergrund rücken. Die detailliert „belebte“ Sichtweise wurde mir durch einen englischen Reenacter vermittelt und sehe darin tatsächlich gutes Reenactment begründet. Das intensive „Eintauchen“ in die Zeit des gewählten Charakters erzeugt „Glaubwürdigkeit“ und erscheint mir erstrebenswerter als die in Dtld weit verbreitete „Genauigkeit = Echtheit“. Die kommt von alleine, wenn sie denn beabsichtigt wird und man zielstrebig seinen Weg verfolgt, die Darstellung in ein gedankliches Umfeld gebettet hat.





Welche Quellen können herangezogen werden? Ich habe früher den Fehler gemacht und interessante Objekte auf mittelalterlichen Bildern oder Skulpturen so nah wie eben zulässig fotografiert. Und nur diese Detailaufnahmen wurden archiviert, um möglichst viel über Material, Beschaffenheit und Bearbeitung zum gewünschten Gegenstand auszusagen, ohne den Gesamtkontext zu beachten. Ein schwerwiegender Fehler! Denn dadurch konnte ich später nicht mehr sagen, welche dargestellte Person die Tasche oder die Schnalle eigentlich trug? Inzwischen arbeite ich vollkommen anders und komme zu sehr überraschenden Ergebnissen. Abbildungen sind oft ohne intensive kunsthistorische Betrachtungen kaum zu enträtseln. Leider Bedarf es hinzu einer grösseren „Bibelfestigkeit“ als ich sie mitbringe, bzw. erfordert u.a. die Beschäftigung mit der Legenda Aurea. Denn das Personal der vielen dargestellten „biblischen“ Szenen, bzw. Szenen aus der Familie Jesu Christi oder der Johannes des Täufers ist von enormen Belang. Wer trägt was in welcher sozialen Stellung? Wie definiert Kleidung den Stand und wie funktionieren mögliche Codes? Auf den entsprechenden Seiten wird in diesen Themenkomplex eingeführt, um mir selbst klar zu werden, was z. B. von spätgotischen Tafelbildern, die durch ihre Detailtreue bestechen, als verwertbare Aussage zum „Durchschnittsgürtel“ herausgezogen werden kann.



Ich bin der Ansicht, es sollte vermieden werden, daß der Darsteller eines Handwerkers den Gürtel „Melchiors“ trägt, wenn eine glaubhafte Darstellung angepeilt wird. Das klingt jetzt simpel und einfach. Aber wie steht es mit dem Gürtel eines Heiligen? Ist hier ein Bürger oder ein Adeliger dargestellt? Darstellungen Marias und der weiblicher Heiliger sind lange Zeit die einzige Quellen zur Gürtelerstellung für Frauen, da sie im öffentlichen Auftreten so lange zurück standen und erst in der bürgerlichen Sphäre des SMAs bildhaft werden. Die Heiligen stammen vornehmlich aus der Spätantike, sind also zeitlich, und meist auch örtlich, weit entrückt. Stammt das Abbild des Geißlers aus dem europäischen Umfeld oder wird eher das Heilige Land mit seiner fernen „röm-byzant“ Vergangenheit historisierend umgesetzt? Denn es ist keineswegs immer so, wie vielfach angenommen wird, daß historische Vorgänge in das Gewand der Entstehungszeit eines Bildes, gepresst werden. Die Thematik ist weitaus verzwickter, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Siehe auch unten den Exkurs: Die Sprache der Kleidung6











Fragmente Originalschnallen Ende XV. - XVI. Jh

Die Datierung der Gürtelteile folgt einer „Kernzeit“. Es wird nicht unbedingt der früheste Beleg herangezogen, sondern der häufigste. Das Leben zeigt ständig Übergänge, wenn das Alte nicht verschwunden und das Neue noch nicht zur Blüte gelangt ist. So ist es durchaus denkbar, daß Schnallentypen Jahrzehnte nach meiner Nennung noch oder bereits vorher in Benutzung waren. Punktgenaue absolute Datierungen sind auf meinem Sachgebiet aus mehreren Gründen oft schwierig. Ein Beispiel siehe unter Fußnote7. Zukünftig werde ich mich eher an stilistischen und kunsthistorischen Definitionen von romanischen, früh- hoch- oder spätgotischen Formen anlehnen, bezogen auf das Reichsgebiet.



Unsere Quellen öffnen nur ein bedingt verlässliches Zeitfenster. Archäologische Schnallenfunde stammen oft aus Einzel- oder Detektorsuchfunden, sie können meist nur über ortsferne Vergleiche annähernd datiert werden. Bei Grabfunden gelingt dies ortsnah über mögliche Beifunde wie Münzen oder Keramik, manchmal Holz, die sich in aufwändigen Verfahren technisch bestimmen lassen, ähnlich bei Siedlungsgrabungen, die zumindest eine relative Chronologie zu Funden einer tieferen oder höheren Schicht aufweisen. Für obertägig erhaltene Kunstwerke stellt sich die Frage, ob der Maler oder Bildhauer die Gegenstände aufnahm, die er momentan vor sich hatte oder arbeitete er nach Konvention, nach Vorliebe, Vorgabe des Auftraggebers oder nach dem, was er in der Jugend als Geselle in der Werkstatt seines Meisters gelernt hatte, richtete er sich nach einer grafischen Vorlage, einer selbst erstellten Skizze oder kopierte er einen Kollegen? Scheinbar wurden geniale und populäre Kompositionen gerne wiederholt und in Bildfindung, Aufbau und Problemlösungen oder in Details nachgeahmt, mglw war Zeitdruck nicht selten der Grund.8 Auch werden Auftraggeber Künstler zu Reisen veranlasst haben, um berühmte Kunstwerke bewußt zu kopieren, um in den Genuß der Betrachtung zu kommen oder sich durch den Besitz von Gleichwertigem zu rühmen. Malerwerkstätten im SMA hatten nicht nur handwerkliche Spezialisten (für Vergoldungen, Preßbrokate, etc), sondern auch inhaltliche für Details, z.B. für Landschaft, Schmuck, uvam. Auch da sind Übertragungen, Ähnlichkeiten über gewisse Zeiträume durchaus möglich, ohne daß sie aktualisiert wurden.

Wie haben wir uns im HMA bsplw die Erstellung eines Stifterbildnisses praktisch vorzustellen, wenn die dargestellte Person bereits lange verstorben ist? Stand ein Nachfahre Modell, um den Urahn (üblicherweise meist um das 30. Lebensjahr, nach der Jesus-Formel) zu porträtieren, dem er ja „wie aus dem Gesicht geschnitten sein soll“? Sind so die erstaunlichen Details der „Jetztzeit“ bei den Accessoires zu erklären, die ein Bildhauer dann „leibhaftig“ vor sich hatte. Vermutlich wird sein „Nachbar“ nicht in die Rolle des Landgrafen geschlüpft sein mit einer Ausstattung, die zusammengeliehen wurde, kostbare Kleinodien kurzzeitig vom Hof dem Künstler zur Verfügung gestellt? Aus dem Gedächtnis, nach dem letzten Besuch bei Hofe, wird er auch kaum gearbeitet haben?

Ist das Kleid wirklich eine neue modische Form oder erscheint es nur dem heutigen Betrachter neu, weil es endlich bildhaft festgehalten wird, aber bereits geraume Zeit getragen wurde? Wir können immer nur das erstmalige oder letztmalige Erscheinen einer Form beobachten, sollten uns vielleicht auf die häufigste Nennung als Mittelwert einigen? Denn unser nach „kriminalistischen Methoden“ gesteckte Zeitrahmen trifft die reale Nutzungsdauer mglw nicht.9 Hinzu kann jede neue Quelle weitere Erkenntnisse bringen oder sich unsere Sichtweise auf einen Beleg radikal ändern. Für den Darsteller kann dies bedeuten manchmal szeneinternen Publikationen mit alten Forschungserkenntnissen zu folgen, die ja nur sehr selten korrigiert und überarbeitet werden, und bereits in Details überholt sind. Liebgewonnene Ansichten haben sich in unseren Köpfen festgesetzt und wir sehen nur das, was wir sehen wollen. Ich weiß, hier wird viel in Frage gestellt. Wir sollten uns klar werden, daß wir mit unseren „pseudowissenschaftlichen Ansätzen“ grundsätzlich über Annäherungswerte sprechen. Die Wissenschaft hat die Möglichkeit in Fachpublikationen Korrekturen vorzunehmen, sie erreichen aber nur selten die Reenacterszene. Wissenschaft bedeutet Diskussion und die Inhalte sind kein Dogma, in dieser Beziehung glauben wir das Mittelalter überwunden zu haben.

Bei meinen Datierungsangaben bedeuten die angehängten Kürzel „v“ = vor / „c“ = um / „n“ = nach

Die Ortsangaben sind oft schwierig. Ich habe mich bemüht Ursprungsorte zu nennen, ansonsten der Verbleib, wenn künstlerische Werke in Museen landeten, wobei urspl zusammengehörige Kunstwerke, wie spätmittelalterliche Retabelwerke, nicht selten auseinandergerissen wurden und fragmentiert an unterschiedlichen Orten präsentiert werden.



Es wird in der Reenacterszene oft mit dem „Erbstück“ argumentiert, wenn das gewählte Objekt zeitlich nicht exakt zur Darstellung paßt. Das läßt sich für sehr kostbare Gegenstände in Silber und Gold, teilweise für Kleidungsstücke, etc in gewissem Maß mit Testamenten belegen. Wir wissen allerdings nicht, ob diese Stücke von den Erben auch genutzt oder nur wegen ihres Materialwerts aufgehoben wurden! Das gewählte Objekt sollte nicht unbedingt das Endglied einer Kette über mehrere Generationen darstellen. Grabfunde des Frühmittelalters zeigen beispielsweise einen Wechsel der Ausrüstung, Schnallen oder Fibeln spätestens mit jeder zweiten Generation. Viele Gegenstände halten bei ständiger Nutzung nur bedingt ein Menschenleben lang. Schnallen wurden sicher nicht beliebig oft weiterverwendet, denn irgendwann waren sie gänzlich unschicklich. Auf Abbildungen des XV. Jhs finden wir definitiv keine Schnallentypen des XIII. Jhs! Adel und gut situierte Bürger trugen vornehmlich modische Gürtel zu unterschiedlichen Anlässen, die auf den Kleidungsstil abgestimmt waren, das ist Abbildungen zu entnehmen, so daß der Besitz mehrerer Gürtel wahrscheinlich und ein Wechsel von Formen zeitlebens möglich war. Untere soziale Schichten trugen einfachere Formen wohl erheblich länger, denn deren Gewandung unterlag geringeren Veränderungen. Erst im Spätmittelalter erscheinen uns auch untere Schichten auf Abbildungen in modischer Kleidung, da sie stärker ins Bildgeschehen eingearbeitet wurden.



An konservativen Heiligenabbildungen lassen sich hingegen recht altertümliche Formen belegen, beispielsweise Tasseln im XV. Jh am Gewand Mariens. Auch Hortfunde (wie aus Dune, Pritzwalk, Münster, Erfurt, Salzburg, Wiener Neustadt oder vom Fuchsenhof, uvam) zeigen „Altmaterial“, da deren Zusammensetzung meist aufgrund des gehobenen Materialwerts zustande kam. Diese angehäuften Gegenstände erschweren uns die Bestimmung der eigentlichen Nutzdauer, da meist nur ein grober Gesamtzeitrahmen und möglicher Deponierungsszeitpunkt, z.B. durch beigegebene Münzen, abgesteckt werden kann. Schwierig wird es auch, wenn das MA historisierend arbeitet. So stellte man Stifterfiguren, die bereits vor Jahrhunderten gestorben waren, nicht immer in der Gewandung der Entstehungszeit des Kunstwerks dar, sondern es wurden auch altmodische Gewandungen verwendet, um das Vergangene zum Ausdruck zu bringen, wie bsplw bei den Stifterfiguren auf dem Chorgestühl von Blaubeuren entstanden 1493. Ihre Lebzeiten lagen im XI. und XII. Jh. Die Darstellung erfolgte in der Gewandung kurz nach 1400 und keineswegs zeit- und erwartungsgemäß zum Ende des XV. Jhs!





Fortgeschrittene Ringrollschnallen für Pferdegeschirr oder Rüstungsteile meist aus Eisen, zuweilen aus Buntmetall oder aus einer Kombination von beidem

Absolut wirkende Aussagen sind der Kürze und Knappheit geschuldet, um nicht ständig abzuwägen, wie es vielleicht manchmal sinnvoll wäre. Hier soll ein praktischer Einblick in die Gürtelmode entstehen und keine wissenschaftliche Studie, wenn überhaupt vergleichbar, bestenfalls auf „Wikipedia“-Niveau. Denn ich bin auf Märkten oft gebeten worden meine Arbeitsergebnisse in irgendeiner Form zu präsentieren. Dem will ich hiermit endlich nachkommen in einer chronologisch sinnvollen Art und Weise. Falls einer dieser Gürtel Euch künftig zieren soll, wird auch der Wert angegeben. Inzwischen ist mein Bilderarchiv über Gürtel, Taschen, Fibeln und verschiedene Aspekte der mittelalterlichen Mode und Alltagskultur auf weit über 3000 bearbeitete und viele tausend unbearbeitete Bilder angewachsen,…, ich bleibe dran und gewinne ständig neue Erkenntnisse. Bei Fragen technischer Art oder über die Herkunft von Schnallen, Zungen, etc, einfach eine mail-Postille schicken, siehe unten.



Wichtig: In der mail-Überschrift möglichst das betreffende Jahrhundert „XII, XIII“, etc. benennen, und plant etwas Zeit ein, da ich im Sommer lange unterwegs bin als reisender Handwerker. Ich möchte mich nicht entschuldigen für meine späte Rückantwort durch Abwesenheit, denn auf den Reisen und hauptsächlich auf Märkten verdiene ich mein Geld. Ich bin darüber hinaus nicht ständig online, trotz aller derzeit möglichen technischen Raffinessen. Kommunizieren kostet viel Zeit, irgendwann muss ich auch produzieren...



HINWEIS

Die Riemenbreiten werden in mm (15er Riemen = 15 mm breit) angegeben und

Zungen in cm (Länge x Breite), zur Einschätzung der Größenverhältnisse.

Die Typenbezeichnung ergibt sich aus: Jahrhundert + fortl. Nr. + Material, Bspl.: „XIV_012_me“

[bei Anfragen bitte immer diese komplette Bezeichnung wählen + Farbe des Leders]



Zum Wert eines Gürtels

Schnalle + Riemen + (Senkel) Zunge = Gürtel fertig montiert.

Spenglin (Riemenbeschläge) werden auf Wunsch auf den Gürtel montiert.

(ca. 1/5 des Preises ist Steuer an die Obrigkeit, kommt also der Allgemeinheit zugute)

Versandkostenpauschale 5,00 EUR (Hermes oder DHL)



Unser Handwerk

Schnallen, Zungen und Riemenbeschläge werden historisch korrekt angenietet,

die Riemen gesäubert, kantenbeschnitten oder -gerundet, geölt oder gefettet.

Das Leder ist erhältlich in den Farben: natur, dunkelbraun, schwarz oder rot.

In der Regel verwende ich Rindsvolleder vegetabiler Gerbung, manchmal aus Grubengerbungen, auf Anfrage auch Hirsch (natur oder sämischweiß)

- Länge beim Rind bis ca 2,20 m möglich



Bei konkretem Interesse bitte vier Fragen beantworten:

1. Ist die Darstellung zivil oder militärisch, wie ist der soziale Rang?

2. Wie lang ist die Gewandung (Taille, Oberschenkel, Knie, Wade, Knöchel)?

3. Körpergröße (!) oder gewünschte Gürtelgesamtlänge angeben.

4. Umfang des Gürtels auf Taille oder Hüfte, dazu bitte die Maßeinheit bis zum engsten Loch

(möglichst auf der Gewandung mit einem vorhandenem Gürtel messen

und keine Maßangabe in moderner Hose, Jeans oä)



Gürtel des Früh- und Hochmittelalters werden in der Regel in Taillenhöhe getragen,

Gürtel des Spätmittelalters in der Taille, zuweilen aber auch auf der Hüfte,

(die breiten Houppelande-Gürtel aus Stoff sind davon ausgenommen).









Beispiel:

XIV_012_me“

20 mm Riemen (schw/dunkelbraun/natur/rot)

hier dunkelbraun

und Senkel_me 10 x 1,5 cm

montiert 69,00 EUR inkl. Steuer

mit 10 Beschlägen „Nr. 7016“ montiert 99,00 EUR







...falls Fragen, schickt Eure mail-Postille an

dragal (at) web.de







Vielen Dank für Euer Interesse

Christian














Stadtsiegel von Elbing um 1400

Ich selbst habe zwei Darstellungen:

[die frühere ist ein Navigator um 1400, die zweite betrifft den Handwerker in der Mitte des XV. Jhs, der sich auf diesen Seiten austobt]

Mein Großvater war Navigator, Kaufmann und Bürger der Stadt Elbing unter der Herrschaft des Ordens am Baltischen Meere und verkehrte mit den Herren im Rat. Es kam die schicksalhafte Schlacht, die vieles veränderte. Seitdem wurde der polnische König unser Lehnsherr. Nun, Jahrzehnte später, hat unsere Familie keinen Grundbesitz mehr in der Stadt. Ich bin als Handwerker tätig, der, mit zünftischer Erlaubnis, durch die Lande ziehen muss, um sein Auskommen zu finden.“



Markttermine




IX.-XII. / XIII. / XIV. / XIV.-XV. / XV. / XVI. Jh

9.-12. / 13. / 14. / um 1400 / 15. / 16. Jh

die eingeschobene Rubrik „um 1400“ hat den Hintergrund, daß ich nicht Gürteltypen zum Ende des einen und Beginn des neuen Jahrhunderts doppelt aufführen möchte. Denn Jahrhundertwenden ergeben keine plötzliche Zäsur in der Mode, sondern wir haben eher allmähliche Übergänge.

Hier spezielle Objekte mit längeren Laufzeiten im direkten Zugriff:

flach geschmiedete Eisenschnallen

späte Eisen-/Zinnschnallen mit Blechen

Knieriemen

Ich habe mich bei den Datierungen am Marktstand und im Internet bewusst für die lateinischen Zahlen entschieden, damit in der Benennung des Gürtels das betreffende Jahrhundert sofort erkennbar ist. Falls Ihr keine „Asterix“-Leser gewesen seid, ist links eine Übersetzung.

Desweiteren haben Abkürzungen, die häufig benutzt werden, wie „röm, german, byzant, mglw, uvm, etc, usw“ zukünftig keinen angehangenen Punkt mehr, mich stört er im Lesefluß, also nicht „Jh.“, sondern „Jh“, jeder wird wissen, was gemeint ist. Ich konnte mich hinzu noch nicht entschließen, ob ich die Texte/Verben in Vergangenheitsform, Präteritum verfassen soll oder zeitlich lebendiger im historischen Präsens. Einen möglichen unvermittelten Wechsel mag mir der geneigte Leser nachsehen...ungeneigte kommen eh nicht bis hierhin...



Ich möchte hier die Gelegenheit nutzen und mich bei allen herzlich bedanken, die mir am Marktstand durch anregende Gespräche oder durch mails wertvolle Tips zu Originalfunden, Material und Verarbeitung, Hinweise zu Literatur oder sehenswerten Ausstellungen gegeben haben, die ich hier für viele möglichst gewinnbringend anwenden möchte. Nach wie vor bin ich für Anregungen dankbar, mögliche andere Sichtweisen, um meine Anschauungen zu relativieren und zu prüfen. Denn wir sehen nur, was wir auch sehen wollen.

Impressum




...herrlich, so schön können meine Gürtel aussehen (nur vielleicht etwas überfettet), wenn sie dafür genutzt werden, wofür sie auch gedacht sind, etwas mehr Grünspan an den Senkel und von einem Original nicht mehr zu unterscheiden..., so etwas kann mich durchaus begeistern!




Ich bin in erster Linie auf dem Markt und dort für viele tätig, hier nun stehe ich Euch ganz exklusiv zur Verfügung. Rechnet bitte immer ein wenig Dauer bei Anfragen ein, oft müssen speziell Bilder zurückgeschickt, Fragen geklärt oder Stücke angefertigt werden. In der laufenden Saison ist die Zeit knapp und ich bin nur in gewissen Abständen im Netz. Bitte achtet und respektiert die Arbeit und die vielen Stunden Recherche. Die Verwendung der Inhalte dieser Seiten darf nur nach Genehmigung erfolgen. Ich will hier nicht mit Paragraphen strotzen, das Korsett ist mir zu eng. Es soll mit diesen Seiten Niemandem Schaden zugefügt werden, ganz im Gegenteil, und bitte dies auch umgekehrt so zu handhaben. Ich danke für Euer Verständnis.


Das ganze hier ist ein Entwurf, bzw. besteht aus vielen kleinen „Würfen“. Aus Zeitmangel für die digitale Welt werden diese Seiten immer bruchstückhaft und wohl auch mit Fehlern behaftet sein, manchmal sind nur Anregungen und Ideen hier hineingeworfen, um später überarbeitet zu werden, manchmal war ich auch einfach nur zu müde, da ich eher abends am Rechner sitze. Das Projekt ist ein grosser Lernprozeß für mich. Denn „das Schreiben“ wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Am Stand sind Dinge schnell gesagt oder behauptet, zumal ich, aufgrund der Fülle der Anforderungen, meist in „Streßsituationen“ stehe. Hier bin ich gezwungen, bzw bezwinge mich selbst in immer neuen Anläufen, auf den Punkt zu kommen (ja genau den, den ich gerne weglasse). Falls irgendetwas unklar ist, schickt mir eine mail...

[Ich weiss, daß ich sehr langsam voranschreite. Ich habe inzwischen hunderte von Gürtelrekonstruktionen erstellt, die bildtechnisch fürs net aufbereitet werden müssten, auf diesen Seiten wird also nur ein Bruchteil abgebildet, lange Zeit habe ich es bedauerlicherweise überhaupt versäumt Bilder von den erstellten Stücken anzufertigen. Es soll allerdings nicht gezeigt werden, daß ich etwas angefertigt habe, sondern warum ich es in dieser Form tat. Vornehmlich gilt es also mein Archiv gründlich aufzubauen, um stichhaltige Aussagen zu liefern und die eigenen Erkenntnisse zu untermauern. Die private „Forschung“ hat für mich Vorrang und die Fülle des Materials ist schlichtweg erdrückend.]


Anmerkungen, Quellenverweise, Exkurse:

1/Geppert in Ars Sacra, S. 131

2/In Paris ist das Gürtlerhandwerk durch erhaltene Statuten sicher um 1250 nachweisbar. Für Köln sind Gürtlersatzungen aus dem XIV. Jh. bekannt. In Krakau wurde zwischen Messing- und Zinngürtlern unterschieden, in Paris kamen noch die Eisengürtler hinzu, die hauptsächlich schwere Gürtel für das Pferdegeschirr fertigten. Es gab Riemenschneider und Gürtler, wobei nur letztere Beschläge setzen durften, Wien 1403: „ also dass fürbas die riemer chainerlei gurteln machen sollen mit hammer noch mit nageln.“ Auch die Liegnitzer Zunftordnung von 1424 trennt die Gürtler mit der Setzung von Messingbeschlägen von den Riemern. Fingerlin, Gürtel, S. 30.

3/Was ist mit diesem zeitgemäßen Gürtel gemeint? Ich möchte das anhand einer sehr speziellen Schnallenform verdeutlichen, jetzt wird es mglw. etwas kompliziert (die mm-Angabe gibt die Schnallenbreite an, die Gurte dazu waren erheblich schmaler): Schnallen in Doppelovalform (Beispiele auf meinen Seiten 2. Hälfte XV. Jh.). Wann tauchen sie auf, können sie von Darstellern des Hochmittelalters genutzt werden oder ist es eine Form des Spätmittelalters? Nach den Funden aus London [Egan, G. (Hrsg.): Dress Accessories 1150-1450. Medieval Finds from Excavations in London, S. 65-88] wird das Gros unverzierter Doppelovalschnallen aus Kupferlegierungen von 15-25mm Breite, also Messing oder Bronze, (Egan Nr. 331-341), zwischen 1350 und 1450 datiert. Ihre einstige Verwendung bleibt offen. Kleine unverzierte Ausführungen aus Zinn-Blei-Legierungen unter 20mm Breite, (Egan Nr. 350-375), werden dem Schuhwerk zugerechnet und ebenso zwischen 1350 und 1450 datiert. Ähnlich wird die Sonderform kleiner runder Schnallen mit mittlerer Dornachse meist aus einer Zinn-Blei-Legierung von max. 22-23mm Durchmesser, (Egan Nr. 221-259), betrachtet und stammt in London in der Regel aus der Zeit nach 1400. Grössere, oft verzierten Formen, aus Messing/Bronze oder Zinn/Blei von ca 40-65mm Breite, (Egan Nr. 334, 342-345, 377, 387) werden um 1400 datiert. Von den eisernen Formen, (Egan Nr. 346-349) weicht nur ein einziger Fund, eine gestauchte Doppelovalform, aus Eisen verzinnt von ca 50mm Breite, (Egan Nr. 346), in der Datierung mit 1230-60 entschieden davon ab. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit wurde die Schnalle für das Zaumzeug genutzt, denn eiserne Schnallen zwischen 40-60mm Größe stammen nach unserer Kenntnis in der Regel aus diesem Zusammenhang. Die gestauchte hohe Doppelovalform taucht als einmaliger Fund auch auf der Isenburg, Hattingen, vor 1225 datiert, auf. Vier kleinere Doppelovalformen aus verzinnten Kupferlegierungen mit Blechen von unter 12mm Breite, (Egan Nr. 378-381), mit Gurtbreiten von nur 6mm, werden zwischen 1270 und 1350 datiert, gehören also ins XIII. oder XIV. Jh. Eine recht ungenaue Aussage! Die Doppelovalform ist im XIII. Jh wohl bekannt, die Funde werden aber in der Regel in spätere Zeiten datiert und es gibt in London nur eine präzise Abweichung vom Gros dieser datierten Schnallentypen. Für mich ist das ein stichhaltiger Grund diesen Schnallentyp für Gürtel frühestens erst um 1400 zu verwenden, zumal ich kein Zaumzeug und kein Schuhwerk erstelle, die Verwendung für Gürtel kann demnach nur aus Abbildungen erschlossen werden. Hier taucht er erst im Laufe des XV. Jhs auf, nebenbei überwiegen da eher eckige Doppel- als runde Doppelformen.

4/Beispiele für eine mittlere Beamtenschicht: Scheffler, die u.a. Vorratshaltung, Mühlen und Brauereien überwachten und Fischmeister oder Waldknechte, die für das Jagdrevier und die Honiggewinnung zuständig sein konnten, zu den selbständig agierende Frauen siehe die Auflistung der Kramladeninhaber rund um die Frauenkirche in Nürnberg im Spätmittelalter.

5/Prozessionen spielten im MA eine gößere Rolle, als mir das bislang bekannt war. Die christlichen fanden nach fest definierter Liturgie statt, bsplw die Osterprozession, in den Städten mit dem Palmesel, die als Skulpturen teilweise die Zeiten überdauerten, die Passion, Kreuzdeponierung oder Grabesprozession, für die ein sepulcrum errichtet wurde. Es waren Massenspektakel. Zu den weltlichen Umzügen werden noch ein paar erstaunliche Informationen folgen, da gerade in der Recherche...

6/Die Sprache der Kleidung [nach S. Geppert (2010)] Für alle Epochen gilt, daß die Kleidung, vor allem bei Plastiken und Gemälden biblischen Inhalts, in hohem Maße tendenziös ist. Geppert spricht von einem „Codesystem“. Der heutige Betrachter muß dieses System entschlüsseln und Darsteller sollten sich vor einer „Eins zu eins“-Übernahme hüten, bzw. prüfen, wer trägt was aus welchem Grund? Geppert unterscheidet bei den biblischen Szenen in den „historischen Code“, nach dem Protagonisten in antikisierende Gewänder und Umhänge gehüllt wurden, auch Ehren- und Zeremonialgewänder waren üblich, um Authentizität zeitlich nah am Geschehen, also in ferner Vergangenheit zum Betrachter, zu vermitteln. Der „geografische Code“ fügt dem noch Ortsferne hinzu, um die Herkunft des Protagonisten zu verdeutlichen. Hier sind durchaus fantastische Elemente möglich, um das Fremde zu betonen. Durch den „modischen Code“ wird eine Nähe zum Betrachter hergestellt, der sich in zeitgenössischen Bezügen, geregelt durch Kleider-, Hofordnungen oder Standes- und Berufstrachten, selbst wiederfindet. Der „metaphorische Code“ verwendet Kleidungsstücke oder deren Farben im übertragenen Sinne, so vermittelt Marias Umhang Schutz für den Gläubigen, der nahtlose Rock Christi ist Zeichen der Vollkommenheit. Es können auch mehrere Codes gleichzeitig verwendet werden, wie das zum Ende des XV. Jhs häufig geschieht [S. Geppert, Mittelalterliche Zeitmode im Heiligengewand, in: Ars Sacra, Salzburg 2010, S. 132].

7/Ich möchte die Problematik anhand von Datierungen zum Kloster Fontenay in Burgund veranschaulichen. Angenommen wir hätten ein Kapitell oder ein Skulptur aus diesem Kloster als Quelle vorliegen, welche Datierung könnte ein möglicher Autor zu dieser Quelle heranziehen? Das Gründungsdatum des Klosters Fontenay in Burgund wird mit 1118 angegeben, aber auch 1119 erwähnt, damit ist aber nur die frühe Mönchsgemeinschaft gemeint, denn erst 1130 wurde das Kloster an seine heutige Stelle verlegt. 1133 wurde mit dem Bau der Abteikirche begonnen, ein Erstdatum bezüglich des Kirchenbaus innerhalb des Klosters. In einer weiteren Schrift wird der Beginn dieses Baudatums auf 1139 gelegt. Eine andere Quelle datiert das Kloster Fontenay einfach zwischen 1118 – 47, oder Fertigstellung der Kirche 1147. 1149 wurde die Kirche geweiht, erst zwei Jahre nach Fertigstellung? Der grösste Teil der Innenausstattung und Beifügungen stammt aus späteren Zeiten, wie Madonnenstatuen und Grabplatten ab dem XIII. Jh. Allgemein heisst es, dass das romanische Gotteshaus seit der Fertigstellung nur geringfügige Änderung erfahren habe und dass die schmucklose Abteikirche heute eine der am besten erhaltenen in Burgund sei, welche das ursprüngliche Aussehen bewahrt habe. In der Französischen Revolution wurde das Kloster hingegen säkularisiert und als Papierfabrik genutzt. Erst 1906 wurden die Gebäude wieder in den möglichen ursprünglichen Zustand gebracht.

8/Siehe Kloster Blaubeuren. Der Chor und sein Hochaltar, S. 205. Hier werden Indizien für den Termindruck der Fertigstellung genannt. Der Termindruck in den Werkstätten könnte auch mit immer neuen Aufträgen verbunden sein, die nicht mehr zu bewältigen gewesen waren ohne eine Schar von Kopisten, ebenda S. 217. Auswüchse in einer Zeit als gemalte zweidimensionale Kunstwerke nicht technisch reproduzierbar waren.

9/Erschwerend kommt hinzu, daß ich beispielsweise für das Hoch- und Spätmittelalter erhebliche Diskrepanzen zwischen archäologischen und kunsthistorischen Quellen wahrnehme. Das hängt mit den Publikationen zusammen. Veröffentlichte Dektorfunde klammere ich als Quelle zur Datierung komplett aus, da deren Einzeldatierungen hoffnungslos grobmaschig sind, Dektorfunde dienen lediglich zum Aufbau von Typologien. Ähnlich sind Sammlerpublikationen zu werten, bsplw wie von Haedeke, da bei Objekten aus dem Kunsthandel meist die Fundzusammenhänge fehlen, oder sie von stilistischen Vorlieben der Sammler geprägt sind. Bei den archäologischen Quellen werden häufig die Funde aus London herangezogen, da sie sehr gut publiziert wurden und für viele damit zugänglich sind. Internetrecherchen und Anbieter für Replikate aus ganz Europa beziehen sich oft auf London. Ortsferne wird meist billigend in Kauf genommen. Der Vorteil dieser Funddokumentation besteht darin, daß hier Objekte gezeigt werden, die zu einem guten Teil der bürgerlichen Sphäre entstammen (Gegenstände aus Eisen/Zinn/Blei und diversen Kupferlegierungen, teilweise verzinnt) und nicht ausschließlich Bestandteil der Adelswelt sind, die sonst auf Abbildungen und Skulpturen meist im Vordergrund steht. Auch aus den Niederlanden gibt es diesbezüglich eine Publikation, aber mit weitaus weniger guten Datierungen. Publikationen aus Deutschland sind für mein Fachgebiet vollkommen unzureichend und es bedarf einer guten (UNI-) Bibliothek, um die spärlich dokumentierten Funde zusammen zu bringen. Da öffnet vor allem die hervorragende „Isenburg“-Publikation ein schmales Zeitfenster. Ilse Fingerlin hat sich im Schwerpunkt mit sehr kostbaren Relikten beschäftigt. Bzgl der Londoner Funde stellt sich die Frage, inwieweit wissenschaftliche Ergebnisse der engl Hauptstadt auf davon weit entfernte Orte übertragbar sind? Ist nicht mit mehr lokalen Eigenständigkeiten zu rechnen? Es gibt Einflüße, die sich in London überhaupt nicht dokumentieren lassen, zumal die dortige Grabung in der Schicht von 1450 endet. Auf spätgotischen Tafelbildern finde ich „Londoner“ Schnallen fast gar nicht, das hängt u.a. wohl auch mit der zeitlichen Diskrepanz zusammen. Auf den Tafelbildern zeigt sich ein komplett eigenes Repertoire an Schnallen und Gürteln, die ich archäologisch oft nur schwierig fassen kann. Aus diesem Grund bevorzuge ich für das Spätmittelalter Abbildungen und Plastiken mit deutlicheren Ortsbezügen und gleiche archäologische Quellen in Material und Verarbeitung ab.



Exkurs: Westrom – Ostrom/Byzanz - Italien

Das einstige antike Rom, war für den gebildeten Menschen des Früh- und Hochmittelalters Leitstern seiner Ausrichtung, Maßstab aller Dinge. Er verstand sich nicht in einer eigenen Epoche [der Begriff „Mittelalter“ ist ihm ja vollkommen fremd], sondern glaubte sich der römischen Zeit, dem letzten Zeitalter, verpflichtet. Schließlich benutzen wir seit dem 19. Jh begriffliche Hilfsmittel wie die „Romanik“, um diese Prozesse zu erklären. [Das dahinter mehr steckt als die bloße Nachahmung antiker Formen soll hier nicht weiter thematisiert werden. Kunsthistorische Betrachtungen werden auf diesen Seiten nur zur Erörterung von Detailfragen vorgenommen.] Erst im Spätmittelalter wird der Blickwinkel auf die gesamte Antike erweitert, indem eine Wiederbelebung derselben das Verständnis einer neuen Epoche hervorbringt, mit der Eingrenzung eines Zeitraums dazwischen, dem „medium aevum“ [Begriff 1464 in Italien verwendet, nach Scott, Kleidung und Mode, S. 117 / Francesco Petrarca (1304-1374) hat die Periode zwischen der Antike und seiner eigenen Zeit als „medium tempus“ bezeichnet].

Im Laufe meiner Recherchen bin ich für die Zeit vom V. bis zum XIII. Jh wiederholt auf den enormen kulturellen Einfluß von Ostrom/Byzanz gestossen, der westeuropäische Mode immer wieder anregte, oft über die norditalienischen Städte, insbesondere Venedig als byzant Handelspartner oder aus Sizilien und Süditalien zur Zeit der letzten Stauferkönige. Während Westrom das Zentrum und der ideelle Hort des katholischen Christentums war, aber beständig um seinen Machtanspruch kämpfen musste, blieb das mächtige Ostrom lange Zeit unangefochten der materielle Kulturbringer, die Quelle des Luxus, in Form von Stoffen, speziell Seide, Elfenbeinarbeiten, Gewürzen, Edelsteinen, Goldschmuck, Goldmünzen, aber auch Reliquien. Aufgrund der Kostbarkeit bereicherten im Westen nicht nur letztere die Kirchenschätze. Dieser Transfer war keineswegs immer legal. Nach der Eroberung von Konstantinopel 1204 im Auftrag Venedigs [salopp formuliert in der Sprache des modernen Kapitalismus: "Eine Filiale läßt ihren eigenen Mutterkonzern liquidieren"], gelangten immense Reichtümer nach Italien und auch nach Frankreich, festigten dessen Vormachtstellung in speziellen Produktbereichen, beispielsweise in der Herstellung von Elfenbeinartikeln oder in der Emailletechnik. Konsumgüter östlicher Art kamen erschwinglich auf europäische Märkte und schufen neue Modeformen. Für meine Betrachtungen zur Gürtelentwicklung ist dieser Aspekt nicht unerheblich.

Byzantinische Produkte, mit vielfältigen Einflüßen aus dem ostmediterranen und syrisch-persischen Raum, befruchteten das europäische Mittelalter in mancherlei Belangen, und dies nicht erst seit den Kreuzzügen. Der Transfer beschränkte sich nicht nur auf die Sachkultur. Der Niedergang Konstantinopels seit 1204, der Verlust des Heiligen Landes, das Vordringen der Osmanen auf dem Balkan und der endgültige Fall Ostroms 1453 entfachten durch Flüchtlinge im Westen Ideen einer wiederzubelebenden Antike, die zuerst in Italien auf fruchtbaren Boden fielen und eine neue Epoche einleiten sollten. Wobei italienische Stadtrepubliken, von „Konsulen“ und Stadträten geleitet, mit den Relikten der antiken Vergangenheit „vor der Haustür“, an den Ideen der römischen Republik immer festgehalten hatten. Die „Renaissance“ war hier kein plötzlicher Umbruch, keine neue Mode- und Gesinnungserscheinung, wie bei uns nördlich der Alpen, sondern ist in Italien Ausdruck für einen Jahrhunderte währenden kontinuierlichen Prozeß.